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Der Mensch hinter der Maske


Seit Gottfried Keller anno 1874 seine gleichnamige Novelle niederschrieb, wissen wir: „Kleider machen Leute.“ So wie Gottfried Kellers Schneidergesellen Wenzel Strapinski, der aufgrund seiner vornehmen Erscheinung für einen polnischen Grafen gehalten wurde, führte auch der straffällige Schuster Wilhelm Voigt dank einer Uniform seine militär- und autoritätsgläubigen Landsleute anno 1906 als Hauptmann von Köpenick an der Nase herum.


Immer noch gibt es Menschen, die Krawatten- und Anzugträgern auf den ersten Blick mehr Seriosität und Kompetenz zutrauen als jenen Mitmenschen, die in Jeans, T-Shirt oder Blaumann daherkommen. Doch auch hier hat das Corona-Virus  die allgemeine Kleiderordnung radikal auf links gedreht. Wurden Masken bisher nur als Kostüm im Karneval, als Vermummung bei einer Demonstration oder auch als Sccutzverband im Sport genutzt, ist sie heute ein allgegenwärtiges Accessoire. Heute, da das Corona-Virus das Maskentragen zur ersten Bürgerpflicht in Sachen Gesundheitsschutz gemacht hat, heißt es: „Sage mir, welche Maske du trägst und ich sage dir, wer du bist.“ Da gibt es die sachlichen und zweckorientierten Zeitgenossen, die es bei einer weißen oder grünen Maske bewenden lassen, um Mund und Nase sachgemäß abzudecken. Ihnen stehen die gegenüber, die ihre Maske als Modeaccessoire und als Aussage tragen. Ich denke dabei an die Träger selbstgenähter Stoff- und Tuchmasken, die uns zum Beispiel mit einem fröhlichen Smiley, einer beschaulichen Blumenwiese, einem meditativen Sternenhimmel oder auch mit einem possierlichen Tiermotiv entgegenkommen. Und dann gibt es natürlich auch noch die Individualisten und Improvisationskünstler, die sich gar nicht erst mit der Suche nach einer passenden und möglicherweise überteuerten Corona-Maske aufhalten, sondern gleich auf ihre häuslichen Fundus zurückgreifen. Wer hätte gedacht, dass Schals in allen Größen und Farben mal zu einer Frühlingsmode würden, die uns wohl nicht nur in dieser Jahreszeit erhalten bleibt. Man sieht: Masken verhüllen nicht nur. Sie offenbaren den charakteristischen Wesenszug ihres Träger oder ihrer Trägerin. Schauen wir also genau hin, wenn wir heute wieder unseren maskierten Mitbürgen in der Stadt begegnen. Es lohnt sich, natürlich unter Einhaltung des Sicherheitsabstandes.

Dieser Text erschien am 25. April 2020 in der Neuen Ruhr Zeitung

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