Samstag, 8. Juli 2017

Wenn Ehrenamt Schule macht: Gustav-Heinemann-Schüler gehen mit gutem Beispiel voran


Nach ihrer Abschlusspräsentation bekamen alle Teilnehmerinnen und
Teilnehmer des Service-Learning-Kurses eine Urkunde überreicht.
Hinten links und rechts sieht man die Kursleiterin Brigitte Walter-Böing
und die für das Projekt zuständige CBE-Mitarbeiterin Eva Henning.
„Also lautet der Beschluss, dass der Menschen was lernen muss. Nicht allein das ABC bringt den Menschen in Höhe. Nicht allein am Schreiben und Lesen übt sich ein vernünftig Wesen. Nicht allein in Rechnungssachen soll sich der Mensch Mühe machen. Sondern auch der Weisheit Lehren muss man mit Vergnügen hören. So dichtete Wilhelm Busch schon vor 150 Jahren in seinen Geschichten über Max und Moritz.

Vielleicht hätte es mit den beiden Lausbuben ein besseres Ende genommen, wenn es schon damals so etwas, wie ein Service Learning gegeben hätte. Genau das bietet die Gesellschaftskundelehrerin Brigitte Walter-Böing als Wahlpflichtkurs im Rahmen des Lernförderprogramms Lernen individuell (Leiv) an der Gustav-Heinemann-Schule für die Mädchen und Jungen der neunten Jahrgangsstufe an. Offensichtlich mit Erfolg. Denn jetzt präsentierten 16 Schülerinnen und ein Schüler aus ihrem inzwischen achten Service-Learning Kurs ihre schönen und weniger schönen Erfahrungen im Ehrenamt. Zum sozialen Praxistest kam manchmal auch der Praxisschock.

Vorbereitet und begleitet


Vorbereitet und unterstützt von ihrer Lehrerin und Eva Henning vom Centrum für bürgerschaftliches Engagement (CBE) suchten sich die Neuntklässler ein Ehrenamt. Dafür nahmen sie sich im zu Ende gehenden Schuljahr jede Woche eineinhalb Stunden Zeit, um sich mit Herz, Hand und Verstand in Kindertagesstätten, bei Tagesmüttern, im städtischen Tiergehege, in einer Talentwerkstatt für Flüchtlingskinder und in Vereinen als Helfer einzubringen. Viele Schülerinnen hätten auch gerne in einem Altenheim gearbeitet. Sie wurden dort aber mit Hinweis auf die knappe Personaldecke nicht angenommen. „Ich wollte in einem katholischen Gemeindekindergarten helfen, wurde dort aber abgelehnt, weil ich evangelisch bin“, berichtet Sarah ihre in Zeiten der Ökumene unglaubliche Geschichte. Und Antonia brach ihren ehrenamtlichen Einsatz bei der Hausaufgabenhilfe eines Jugendzentrums ab, „weil ich dort nur Bleistifte anspitzen durfte.“ Dafür wurde sie dann im Waldorfkindergarten mit offenen Armen aufgenommen.

Geld ist nicht alles!


„Ich habe gelernt, dass Geld nicht alles ist und das eine Arbeit auch glücklich machen kann, wenn man dafür nicht bezahlt wird.“, sagt Iseta. „Die Kinder haben sich immer gefreut, wenn ich kam, um mit ihnen zu spielen, ihnen vorzulesen oder ihnen einen Mittagssnack zuzubereiten“, berichtet Shema aus ihrer Zeit als ehrenamtliche Erzieherin. „Es war ein gutes Gefühl, gebraucht zu werden und etwas praktisches zu tun, statt nur etwas theoretisches zu lernen“, schildert Tim nach einem arbeitsreichen Jahr in der Alten Dreherei den Unterschied zwischen der sozialen Praxis und dem Schulunterricht.

Mehr Verständnis für die Lehrer


„Ich habe jetzt viel mehr Verständnis für unsere Lehrer, weil ich selbst die Erfahrung gemacht habe, wie anstrengend und nervenaufreibend es sein kann, wenn viele Kinder gleichzeitig etwas von einem wollen und man manchmal nicht weiß, um wen man sich als erstes kümmern soll“, erinnern sich Diana und Eileen an ihre gemeinsame Zeit in einem Gemeindekindergarten. Und für ihre Mitschülerin Lena war es als Torwartrainerin in einem Floor-Ball-Verein „eine tolle Erfahrung, Talente zu fördern und dafür zu sorgen, dass kein Kind in der Gruppe untergeht.“

Eine Erfahrung fürs Leben


Am Ende ihres sozialen Praxisjahres steht für alle Schülerinnen und Schüler fest, dass sie ihre Erfahrungen nicht missen wollen. Manche haben sich sogar für die Fortsetzung ihr ehrenamtliches Engagement entschieden.
Lehrerin Brigitte Walter-Böing nimmt den Eindruck mit, „dass die 14- und 15-jährigen Gustav-Heinemann-Schülerinnen durch ihr Ehrenamt selbstständiger, selbstbewusster und verantwortungsvoller geworden sind.“ Und für CBE-Mitarbeiterin Eva Henning ist das Service Learning „die denkbar beste Möglichkeit ist, Jugendliche an das Ehrenamt heranzuführen, auf das unsere Gesellschaft angewiesen ist.“ Weitere Auskünfte zum Projekt gibt Eva Henning beim CBE an der Wallstraße 7, unter der Rufnummer 0208-97068-16 oder per Mail an: eva.henning@cbe-mh.de 
Dieser Text erschien am 29. Juni 2017 im Lokalkompass und in der Mülheimer Woche

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