Samstag, 29. Juli 2017

Die Kirchen werden kleiner: Dennoch ist Superintendent Gerald Hillebrand davon überzeugt, dass die Christen auch in Zukunft als soziales Gewissen der Gesellschaft gebraucht werden

Superintndent Pfarrer Gerald Hillenrand
Foto: Evangelischer Kirchenkreis An der Ruhr
Die katholische Kirche schrumpft.Die Evangelische Kirche tut es auch. Höchste Zeit, sich Gedanken über die Zukunft der christlichen Kirchen zu machen. Ein Gespräch mit dem neuen Superintendenten des Evangelischen Kirchenkreises, Pfarrer Gerald Hillebrand.

Haben die schrumpfenden Kirchen noch Zukunft oder sind sie ein Auslaufmodell?

Sie haben Zukunft, aber sie werden kleiner und ihre Gemeindeleben wird sich verändern. Wir werden weniger Gottesdienstorte haben und die Gemeinden werden unterschiedliche Schwerpunkte bilden statt alle das ganze Programm der Gemeindearbeit zu leisten. Da wird sich dann eine Gemeinde auf die Kirchenmusik, eine weitere auf Jugendgottesdienste und die nächste vielleicht auf gesellschaftspolitische Fragen konzentrieren, um so zu einem Ort zu werden, der interessierte Menschen anziehen kann.

Bedeutet Konzentration nicht, dass gerade ältere immobile Menschen abgehängt werden?

Da müssen wir mit ehrenamtlichen Transport- und Besuchsdiensten gegensteuern. Doch diese Ehrenamtlichen muss man erst mal finden. Und so werden wir am Ende sicher nicht mehr jeden erreichen, so traurig das ist. Wir werden in jedem Stadtteil nur noch mit einer Kirche präsent sein können.

Haben auch die Hauptamtlichen ihren Anteil daran, dass heute so viele Menschen ihre Kirche verlassen?

Das steht außer Frage. Kirche war in den vergangenen Jahrzehnten fast ausschließlich eine Sache der bürgerlichen Mitte, Trotz einiger Bemühungen haben wir es nicht geschafft auch andere Bevölkerungsgruppen an uns zu binden und ihnen so deutlich zu machen, was wir ihnen zu sagen und zu geben haben. Wir müssen auch erkennen, dass man nicht nur am Sonntagmorgen in der Kirche Gottesdienst feiern und Gemeinde leben kann. Das geht auch in Gemeindegruppen, die sich unter einem gemeinsamen Interesse treffen und entdecken, wie schön es sein kann, auch für andere da zu sein, ohne, dass sie am Sonntag in Scharen in den Gottesdienst kommen.

Wie wird das kirchliche Ehrenamt der Zukunft aussehen?

Das Luther-Musical hat gezeigt, dass sich auch heute Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten für kirchliche Projekte begeistern lassen. Aber Menschen werden sich in Zukunft eben nicht mehr über Jahrzehnte in einer Gruppe oder in einem bestimmten Gremium einbringen..

Warum braucht unsere Gesellschaft auch künftig die christlichen Kirchen?

Weil sie wichtige Werte, wie soziale Verantwortung, gesellschaftlichen Gestaltungswillen und Nächstenliebe vertreten und Menschen eine Stimme geben, die selbst zu schwach sind, um sich einen Platz in der Gesellschaft zu erobern. Diese Aufgabe bleibt.

Wie kann und muss Kirche auch in Zukunft soziale Verantwortung übernehmen?

Das Diakonische Werk und das Diakoniewerk Arbeit und Kultur sind gut aufgestellt, wenn es darum geht Menschen in unterschiedlichen Notlagen zu helfen oder  ihnen eine Stimme und eine Beschäftigung zu geben, die sie auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht bekommen, weil sie die Voraussetzungen dafür nicht mitbringen. Wir müssen als Kirchen und als Gesellschaft in diese Aufgabe investieren und die Menschen davon überzeugen, dass Wirtschaften ein Teil des Lebens ist, aber nicht alles im Leben unter wirtschaftlichem Aspekt betrachtet werden kann.

Wird die Zukunft der Kirchen ökumenisch sein?

Eben weil Kirche heute nicht mehr die Stimme, sondern nur noch eine Stimme unter vielen ist, müssen sich die katholische und die evangelische Kirche gemeinsam äußern, wenn es um soziale und ethische Fragen geht, damit die Stimme der Christen weiter gehört wird. Das so etwas gut funktionieren kann, sehen wir unter anderem bei der Kampagne für den einkaufsfreien Sonntag, bei dem die beiden christlichen Kirchen und die Gewerkschaften den Schulterschluss praktizieren, Auch die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung ist ein wichtiges ökumenisches Handlungsfeld. Neben dem ökumenischen Friedensgebet und dem ökumenischen Gemeindefest auf dem Kirchenhügel war auch unter das gemeinsame Inklusionsfest auf dem Kirchenhügel ein Beispiel für eine gelungene ökumenische Aktionsgemeinschaft, die in der Zukunft weiter ausgebaut werden kann, auch ganz praktisch bei der ökumenischen Nutzung der kirchlichen Räume.

Wie sag ich's meinem Kinde, wenn eine christliche Sozialisazion die Ausnahme und nicht mehr die Regel ist?

Wir müssen in Zukunft stärker, als bisher in religiöse Jugend- und Erwachsenenbildung investieren und gleichzeitig die Möglichkeiten in unseren Kindertagesstätten mit der Frohen Botschaft bekannt und vertraut zu machen. Außerdem haben wir durch eine gute und engagierte Jugendarbeit die Möglichkeit mit jungen Menschen ins Gespräch zu kommen. Aber ganz ohne die Familien wird religiöse Erziehung und Bildung nicht funktionieren. Es wird als für uns schwieriger.

Die Zahl der Christen sinkt, die der Muslime steigt. Wie sehen Sie den islamisch-christlichen Dialog?

Dieser Dialog ist im Moment sehr schwierig, weil es die eine islamische Stimme nicht gibt und die Moscheegemeinden zum Teil sehr klein sind. Vor dem Hintergrund der politischen Entwicklung erleben wir als Vertreter der christlichen Kirchen zurzeit eine große Zurückhaltung auf der muslimischen Seite. Damit der Dialog und das friedliche Zusammenleben gelingen, hoffe ich auf die Erkenntnis, dass man den Islam nicht mit Islamismus gleichsetzen darf. Und ich hoffe auf einen europäischen Islam, der sich auf dem Boden der europäischen Werte bewegt.

Kann die Krise der christlichen Kirchen auch zu einem Aufbruch werden?

Der kirchliche Schrumpfungsprozess, den wir erleben, bringt schmerzliche Abschiede mit sich, aber birgt auch die Chance der Konzentration auf Punkte, die uns wichtig sind und die wir auch in Zukunft in die Gesellschaft tragen werden. Daran wird auch die Tatsache nichts ändern, dass wir als Kirche kleiner werden.

Zahlen und Fakten

Nach Angaben des Bistums Essen gehörten 2016 48.305 Mülheimer der Katholischen Kirche an, 302 traten im Laufes Jahres aus der katholischen Kirche aus, während 4 wieder in die katholische Kirche eintraten.

Nach Angaben des Evangelischen Kirchenkreises gehörten 2016 47.008 Mülheimer der Evangelischen Kirche an. 372 traten aus der Evangelischen Kirche aus und 76 wurden wieder in die Evangelische Kirche aufgenommen. Für den 2017 weist der Evangelische Kirchenkreis An der Ruhr 46.551 Gemeindemitglieder aus.

Dieser Text erschien am 29. Juli 2017 in NRZ und WAZ


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