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Ein Mann packt an: Unterwegs mit dem Möbeltransproteur Jan Sensky

Jan Sensky vor seinem Dienswagen
Wenn Sie ein altes Möbel- oder Kleidungstück oder auch Geschirr zu Hause stehen haben, die noch gut zu gebrauchen sind, aber die Sie nicht mehr brauchen, weil sie nicht mehr zu Ihnen und zu Ihrem Leben passen, dann sollten sie das Diakoniewerk Arbeit und Kultur (Trlefon 0208/45 95 30) anrufen. Dann könnte es sein, dass sie schon bald Bekanntschaft mit Jan Sensky und Nikolai Bock machen, die Ihre alten Schätzchen abholen, damit sie im Diakoniewerk für einen guten Zweck aufgemöbelt und an die Frau oder den Mann gebracht werden können. Der gute Zweck heißt: Arbeit, Arbeit für langzeitarbeitslose Menschen, die keine oder noch keine Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt haben.

„Die Arbeit ist gut“, sagt Nikolai, der bereits seit sieben Jahren beim Diakoniewerk arbeitet. Der Russlanddeutsche, der seit 14 Jahren in Deutschland lebt, arbeitet seit sieben Jahren für das Diakoniewerk. Er wüsste auch gar nicht, was er sonst tun sollte. Denn seine deutschen Sprachkenntnisse sind sehr bescheiden. In seinem früheren Leben war er Pferdepfleger und Traktorist: „Aber in Deutschland gibt es nicht so viel Landwirtschaft“, sagt er.
„Das ist für mich eine Chance, in den ersten Arbeitsmarkt zu kommen“, sagt Jan. Er ist seit zehn Monaten beim Diakoniewerk und ist dort vor allem fürs Möbel-Schleppen zuständig. Die notwendige Statur und die richtige Hebetechnik bringt er mit. „Ich habe früher mal Gewichte gehoben und weiß, dass man nie aus dem Rücken, sondern immer aus den Beinen heraus heben muss, wenn man sich keinen  Bandscheibenvorfall einfangen will“, erzählt der freundliche junge Mann.

„Den ganzen Tag mit einem Notizblock in der Hand herumrennen, das könnte ich nicht“, sagt er dem Begleiter von der NRZ. Und diesem geht es mit umgekehrten Vorzeichen genauso. Wer zwischen 8 und 15 Uhr Jan und Nikolai zuschaut, wie sie Möbelstück Trepp auf, Trepp ab schleppen und in ihren Transporter wuchten. möchte am liebsten gleich einen Termin mit seinem Orthopäden vereinbaren.


Leichte Schicht - schwere Schicht

Dabei haben die Möbeltransproteure, die an diesem Tag acht Haushalte zwischen Saarn und Dümpten ansteuern, Glück. Der große Buffettisch oder die in einen Tisch versenkbare Nähmaschine mit gusseisernem Fuß, die schon mal 100 Kilo und mehr auf die Waage bringen, bleiben Nikolai und Jan erspart.

Zwischendurch werden sie aber vom Betriebsleiter Michael Farrenberg in die Zentrale des Diakoniewerkes zurück beordert, um ein Schippendale-Wohnzimmer vom Möbellager an der Georgstraße zum unbedingt besuchenswerten Diakonie-Ladenden „Sonderbar“ an der Kaiserstraße zu transportieren. Dort trifft man auf alte, um nicht zu sagen antike, Möbel aus Großelterns Zeiten und auf moderne, gradlinige und funktionale Möbelstücke, die in ihrem früheren Leben auch schon mal eine Euro-Palette oder eine Gerüstbohle waren. Die Kunsthandwerker aus der Schreinerei des Diakoniewerkes machen es möglich.

In der „Sonderbar“ kommen nicht nur die Möbeltransporteure, die werktäglich für das Diakoniewerk unterwegs sind und anpacken, ins Schwitzen. Denn die Verkaufsräume an der Kaiserstraße sind mit jeder Menge Spots ausgestattet, die die alten Schätze lichttechnisch hervorragend in Szene setzen, aber auch Hitze abstrahlen.


Ganz schön schweißtreibend


Auch beim Heruntertragen eines Kühlschranks, der aus einer neu bezogenen Wohnung verschwinden soll, verliert Jan Sensky den einen oder anderen Schweißtropfen. Und beim Vitrinenschrank, den sein Fahrer und er aus dem fünften Stock eines Mehrfamilienhauses (ohne Aufzug) abholen, ist das Rangieren im engen Treppenhaus Millimeter-Arbeit.

Leichter haben es die beiden Möbeltransporteure dagegen bei zwei Damen aus Saarn. Die eine, eine ehemalige Geschäftsfrau und Firmeninhaberin, gibt ihnen zwei Müllsäcke voller eleganter Business-Kleidung mit. Die andere trennt sich von dem Elektrorollstuhl und dem Bücherschrank ihres kürzlich mit 101 Jahren verstorbenen Vaters. Beides steht bereits ebenerdig in der Garage ihres Hauses für die Abholer bereit.

„Ich könnte die Sachen vielleicht auch per Kleinanzeige verkaufen. Aber das ist mir mit zu viel Aufwand verbunden. Und so weiß ich, dass die Sachen noch einem guten Zweck dienen können und nicht einfach auf der Müllkippe landen“, sagt sie.
Auch wenn man Jan Sensky anmerkt, dass er nicht nur ein kräftiger, sondern auch ein kommunikativer und verbindlicher Mensch ist, der sich auch mal gerne die Geschichte seiner Kunden anhört, lässt der Mittzwanziger keinen Zweifel daran, dass er seinen Arbeitsplatz, der bei genauerem Hinsehen nur eine Arbeitsgelegenheit ist, zwiespältig sieht.

„Die Arbeit hier hilft mir, meine Tag zu strukturieren. Sie motiviert mich morgens aufzustehen. Auch die Kollegen hier sind alle echte Kumpel. Auf der anderen Seite haue ich hier jeden Tag richtig rein und mache meinen Rücken krumm und verdiene doch nur 1,30 Euro pro Stunde.“


Etwas Dauerhaftes müsste her


Der junge Mann, der gerne eine feste Arbeit bei einer Möbelspedition oder als Lagerhelfer hätte, weiß, dass seine jetzige Arbeit, finanziell flankiert vom Arbeitslosengeld 2, keine dauerhafte Perspektive ist. „Wenn ich die feste Zusage einer Ausbildungsstelle und einer damit verbundenen Berufsperspektive hätte, würde ich vielleicht sogar die Kraft finden, meinen Hauptschulanschluss nachzuholen“, glaubt Sensky. Denn heute weiß er, dass es ein Fehler war, seine Schule nach der achten Klasse zu verlassen und sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten, weil er den Druck der Schule und des Elternhauses nicht mehr aushielt.

Dieser Text erschien am 22. Oktober 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

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