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Schwester Nicole, bitte melden: Ihr drahtloses Telefon klingelt täglich gefühlt 180 Mal. Da braucht man einen langen Geduldsfaden und einen guten Blick, für das, was gerade jetzt anliegt, so wie Stationsleiterin Nicole Clemens

Schwester Nicole Clemens, hier bei einer Fall-Besprechung mit
dem Altenpfleger Andreas Huupe in der Geriatrischen Tagesklinik
des Evangelischen Krankenhauses.
„Gefühlt klingelt mein Telefon 180 mal am Tag“, sagt Krankenschwester Nicole Clemens. Am anderen Ende der Leitung ist ihr Kollege von der zentralen Bettensteuerung des Evangelischen Krankenhauses. „Kannst du mir helfen?“, fragt sie ihn. Denn eine Neuaufnahme steht an und die 58 Betten ihrer Station sind belegt. Eine Patientin muss die 46-jährige Stationsleiterin mit Geduld und Beharrlichkeit davon überzeugen, in ein anderes Zimmer umzuziehen, um Platz zu schaffen für eine andere, die aus therapeutischen Gründen unbedingt ein Einzelzimmer braucht.

„Man braucht einen langen Geduldsfaden und muss sich sehr individuell auf Patienten einstellen“, betont Clemens. Oft stellen Clemens und ihre Kolleginnen auch Betten um und bringen das eine oder andere vertraute Möbelstück ins Krankenzimmer, damit sich vor allem dementiell veränderte Patienten möglichst wie zu Hause fühlen. „An Demenz erkrankte Menschen brauchen ein hohes Maß an Wiedererkennung und wiederkehrenden Strukturen. Jede Veränderung, und ein Krankenhausaufenthalt ist für sie ein immenser Einschnitt. Er ist für sie mit großer Angst verbunden“, weiß Clemens, die seit 23 Jahren als Krankenpflegerin im Evangelischen Krankenhaus arbeitet und seit vier Jahren dort die geriatrische und unfallchirurgische Station 7 leitet.

Der zweifachen Mutter entgeht nichts, wenn sie durch die Gänge ihrer Station streift. Da entdeckt sie zum Beispiel im als Wohnküche eingerichteten Aufenthaltsraum einen Patienten, der in einem Sessel vor sich hin guckt und mit seinen Füßen in der Luft hängt. „Der Mann braucht sofort eine kleine Fußbank.“ Bei einer angehenden Krankenpflegerin überprüft sie, ob diese die Verbände schon ganz professionell anlegen kann. An der einen oder anderen Stelle gibt sie Tipps, wie es besser zu machen wäre.

Auch wenn Clemens „nie einen Bürojob von 9 bis 17 Uhr machen wollte, sondern immer mit und für Menschen arbeiten wollte“, kommt die Stationsleiterin heute an der Schreibtischarbeit nicht vorbei. Computer und Aktenordner sind ihre täglichen Werkzeuge. Dienstpläne müssen aktualisiert werden. Und dann ruft ein Kollege an, der sich nach einer speziellen Fortbildung erkundigt. Die regelmäßige Fortbildung der insgesamt 36 Pflegekräfte ihrer Abteilung zu organisieren, ist eine ihrer zentralen Aufgaben. Für jeden ihrer Kollegen hat sie einen Fortbildungsordner angelegt, um zu wissen, wer gerade auf welchem Wissensstand ist und damit sein Wissen auch an seine Kollegen auf der Station weitergeben kann.

Sie selbst bildet sich derzeit auch weiter, um in der Pflege dementiell veränderter Patienten als Praxis-Anleiterin für den Pflegenachwuchs arbeiten zu können. „Ich bin meinem Arbeitgeber dankbar, dass ich meine Fortbildung während meiner Arbeitszeit machen kann, so dass mein Stellvertreter hier für mich einspringt, wenn ich mal wieder einen Unterrichtsblock habe.“

Apropos Fortbildung. Mit einer jungen Kollegein, die nebenberuflich Pflegewissenschaft studiert, bespricht sie Ideen für eine Projektarbeit, von der sie sich auch neue Erkenntnisse für die Pflegearbeit auf der Station erhofft.

Kommunikativ muss man als Stationsleiterin schon sein. Clemens’ Arbeitstag beginnt um 7 Uhr mit einer Teambesprechung. Wie geht es den Patienten? Welche Therapie oder Medikation hat gut angeschlagen oder muss nachjustiert werden. Welche Aufnahmen und Entlassungen stehen a Tag an und welcher Patient muss für eine Operation vorbereitet werden?

Stürze und Knochenbrüche kommen mit zunehmenden Alter aufgrund nachlassender körperlicher Kräfte besonders häufig vor. Der Klassiker unter den altersbedingten Frakturen ist der Oberschenkelhalsbruch. „Wenn der 90-jährige Ehemann plötzlich mit einem Oberschenkelhalsbruch bei uns liegt, bricht auch für seine 88-jährige Frau eine Krise aus, in der wir helfen müssen.“ Dann schaltet Clemens die Pflege- und Sozialberaterin ein. Welche Hilfsmittel kann man beschaffen? Welche Rehabilitationsmaßnahmen können nach der Operation auf der Station eingeleitet werden? „Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Patienten, die man bei der Aufnahme schon im Pflegeheim sieht, nach einer dreiwöchigen geriatrischen Behandlung so fit sind, dass wir sie wieder in ein selbstständiges Leben, vielleicht unterstützt von dem einen oder anderen Hilfsmittel, nach Hause entlassen können.“ Auf Station 7 wird nicht nur gepflegt, sondern auch aktiviert und therapiert. Hier arbeiten Pflegekräfte und Therapeuten Hand in Hand. Hier sieht man Patienten nicht nur im Betten liegen oder im bewusst gemütlichen Aufenthaltsraum sitzen. Hier begegnet man hochbetagten Senioren auch beim assistierten Gehtraining am Rollator. Das sind die schönen Momente im Arbeitsleben von Schwester Nicole. wenn sie mit ansehen kann, dass ihre Patienten langsam, aber sicher wieder zu Kräften und zu neuem Lebensmut kommen.

Sichtlich Freude hat die Stationsleiterin, die sich dazu bekennt, „dass ich gerne esse und koche“ auch am Waffel-Kaffee, zu dem Krankenhausseelsorger Ansgar Wenner-Schlüter und sie an diesem Nachmittag Patienten, Kollegen und Angehörige einladen. Dann erlebt nicht nur sie ein Stück heile Welt in einem von Krankheit geprägten Arbeitstag. Zu diesem Arbeitstag gehört neben Dienstplanung, Besprechungen und Chefarzt-Visiten auch das Gespräch mit einer Frau, deren Mutter an diesem Tag auf Station 7 verstorben ist. „Ja. Manchmal nehme ich Schicksale auch mit nach Hause. Aber spätestens, wenn ich mit meinem Mann Ulrich in unserem Schrebergarten Unkraut ausreiße, ist mein Kopf wieder frei“, sagt Schwester Nicole.


Dieser Text erschien am 8. Oktober 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

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