Direkt zum Hauptbereich

Die Frau vom Land - Als Landwirtin hat man nicht nur auf dem Acker alle Hände voll zu tun: Ein Arbeits-Tages-Besuch bei Christiane in der Beeck-Bolten im ländlichen Dümpten zeigt es

Christiane in der Beeck-Bolten und ihr Hofteam bieten jetzt auch
Kürbisschnitzkurse an
Der Tag fängt früh an für Christiane in der Beeck-Bolten. Um vier Uhr steht die Landwirtin zusammen mit zwei Mitarbeiterinnen bereits in der Betriebsküche und backt in vier Öfen. Das sieht gut aus und riecht herrlich. Nicht nur Kuchen, auch Brot kommt aus dem Ofen. Erst in der letzten Woche hat die 36-jährige Landfrau ein Brotbackseminar absolviert. Sie will ja auf dem Laufenden bleiben und den Geschmack ihrer Kunden treffen, die freitags und samstags ihren Hofladen besuchen.

Um sieben Uhr bringt in der Beeck-Bolten ihre Kinder Marlene und Clemens in den Kindergarten. Anschließend befüllt sie den an der Oberheidstraße aufgestellten Automaten des Dümptener Bauernhofes. Hier kann man mit dem nötigen Kleingeld Eier und Kartoffeln im Vorbeifahren oder Vorbeigehen mitnehmen.

Zurück am Hof und seinem Laden, der genauso alt ist wie die junge Landwirtin und Mutter, macht sich in der Beeck-Bolten daran, dass Herbstlaub vor dem Hofladen wegzukehren, Äpfel und Kartoffeln im Laden einzuräumen und anschließend die Kürbisse vor dem Laden zu drapieren. Man merkt sofort: Kürbis ist nicht gleich Kürbis. 25 Kürbissorten finden sich vor und im Hofladen. Ihre Namen Jack be Little, Buffy, Jack O’Latern oder Hokaido klingen vielversprechend. Ihre Farbpalette reicht vom klassischen Orange über Gelb und Grün bis zum cremefarbenen Weiß. Manche überzeugen mit ihrem schmackhaften Fruchtfleisch. Andere lassen sich aufgrund einer weichen Schale besonders gut schnitzen.

Und damit die Kinder, die am nächsten Tag zu einem Kürbis-Schnitz-Seminar mit Zaubertrank, Kürbiskuchen, magischen Geschichten und vier flotten Schnitzerhexen wissen, wie es geht, gibt sie mit ihren Schnitzwerkzeugen gleich drei großen Halloween-Kürbissen ein Gesicht. Die Frau ist vielseitig und arbeitet verdammt flott.

Im Laufe des Vormittags wechselt sie vom Hofladen in ihr Büro. „Ich lebe und arbeite gerne mit und von der Natur, aber ich komme an der Schreibtischarbeit nicht vorbei. Tendenziell wird sie eher immer mehr“, erzählt die Landwirtin, die den Hof ihrer Eltern Edith und Heinz in der Beeck vor zehn Jahren übernahm und heute zusammen mit ihrem Mann Andreas leitet. Auch ihr Schreibtisch sieht nach viel Arbeit aus. Die Buchführung muss erledigt, Statistiken für das Land auf den Weg gebracht, das aktuelle Wochenrezept (Kürbis-Rösti) für den Hofladen geschrieben, Bestellungen aufgegeben und angenommen werden.

Der Filialleiter eines Supermarktes, der vom Dümptener Bauernhof an der Bonnemannstraße beliefert wird, bespricht mit in der Beeck die Einzelheiten einer gemeinsamen Werbeaktion, bei der sie den Kunden eine Maschine vorstellen soll, die bei der Kartoffelernte zum Einsatz kommt. Auch wenn die Landwirtin dadurch für einige Stunden von ihrem Hof abgezogen wird, nimmt sie solche Gelegenheiten gerne wahr, „weil man so mit Kunden und denen, die es vielleicht noch werden wollen, ins Gespräch kommen und auch auf unseren Hofladen hinweisen kann.“
Während Christiane auf dem Hof, dessen Ursprünge bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen, nicht nur für die Büroarbeit, sondern auch für die Obstgewächse und die Freilandhühner zuständig ist - um 12 Uhr sammelt sie die frisch gelegten Eier ein - beackert ihr Mann Andreas die Felder des Betriebs. Bevor er an diesem Tag zur Weizenaussaat für die Ernte 2017 aufbricht, baut er mit seinem Auszubildenden Janosch Sonntag Fenster und Türen in eine Garage, die jetzt mit Tischen, Bänken und einer anheimelnden Strohecke zum Reich der kleinen und großen Kürbisschnitzer geworden ist. „Unser neues Angebot wird erstaunlich gut angenommen, vor allem wenn es um die kreative Gestaltung von Kindergeburtstagen geht“, freut sich Christiane in der Beeck.

Besonders dankbar ist in der Beeck ihren Eltern, dass sie auch im Rentenalter bei der Hofarbeit im Rahmen ihrer Möglichkeiten mit anpacken. „Auf ihre tatkräftige Hilfe und ihren lebenserfahrenen Rat kann und möchte man nicht verzichten“, betont die 36-jährige Landwirtin. Mutter Edith hilft im Hofladen mit und bereichert dessen Angebot mit ihren wunderschönen Blumenstrauß-Kreationen. Außerdem hat sie für alle Kunden auch jenseits des Verkaufsgespräches immer ein offenes Ohr. Vater Heinz ist heute mit dem Pflug aufs Feld gefahren, um den Boden für die Weizenaussaat umzugraben und aufzulockern. Auf den Hof zurückgekehrt tauscht er die mit der Zeit abgewetzten und deshalb nicht mehr voll funktionsfähigen Pflugscharspitzen aus.

Ihren Nachmittag und den frühen Abend hält sich Christiane in der Beeck-Bolten für ihre Kinder frei. Marlene (5) wird an diesem Tag zum Leichtathletiktraining gebracht. Und Clemens (3) sammelt mit seiner Mutter an diesem Nachmittag die reiche Frucht der hofeigenen Walnussbäume ein. Dabei übt der kleine Mann auf seinem Kindertrecker schon mal, wie es sich anfühlt, wenn man als Landwirt ein weites Feld zu beackern hat. 

Dieser Text erschien am 15. Oktober 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Am liebsten hört sie Radio: Margarete Sonnenschein feierte jetzt ihren 100. Geburtstag

"Wie alt bin ich jetzt? 100?!“ fragt Margarete Sonnenschein, während sie mit ihren Mitbewohnerinnen in der Villa Nestor bei Kaffee und Kuchen ihren dreistelligen Geburtstag feiert. 

Seit zehn Jahren lebt sie  in einer Wohngemeinschaft, die von den Pflegepartnern betreut wird. Weil sie aufgrund einer Makuladegeneration nicht mehr sehen kann, hört sie am liebsten Radio. Besonders bedauert sie es, dass ihr Lieblingsmoderator Jürgen Domian nicht mehr auf Sendung ist. Seine seelsorgerischen Gespräche mit Menschen in unterschiedlichsten und schwierigsten Lebenslagen hat die ehemalige Bibliothekarin und Buchhändlern immer besonders gerne gehört. Deshalb freut sich Sonnenschein darüber, dass ihr Pflegedienstleiterin Karin Eberlein und ihre Mitbewohnerinnen eine CD-Sammlung mit Domians besten Gesprächen geschenkt haben.

Schwere Zeiten kennt die Dame, die zweimal verheiratet war und vor 35 Jahren ihren einzigen Sohn begraben musste, nur zu gut.

Noch im Ersten Weltkrieg geboren, musste sie die…

Suchtfaktor Karneval

Sie ist die jüngste der 13 Mülheimer Karnevalsgesellschaften, die KG Aunes Ees. Zwölf Karnevalsfreunde aus der damals aufgelösten KG Düse formierten sich im Juli 2017 zur neuen KG Aunes Ees. „Aunes Ees ist mölmsch Platt und bedeutet anders als, weil wir anders sind als viele andere Karnevalsgesellschaften“, erklärt der Vorsitzende der neuen Gesellschaft Jörg Schwebig die Namenswahl.
Anders als die anderen mölmschen Gesellschaften, gibt es bei Aunes Ees neben einer Aktivengarde auch eine integrative Garde, in der Menschen mit und ohne Handicap ihren Spaß am Tanz gemeinsam auf die Bühne bringen. Dass es dazu kam, hat mit Schwebigs Bruder Frank und seiner Schwägerin Vivian zu tun, Sie sind Eltern einer behinderten Tochter, die in einer integrativen Tanzgarde einer Duisburger Gesellschaft aktiv war. Doch das Mädchen und seine Gardekolleginnen fühlten sich ihrer bisherigen Gesellschaft nicht mehr gut aufgehoben und wechselten deshalb 2017 geschlossen in die neue Mülheimer Karnevalsgesellsch…

Welche Chancen haben Förderschüler auf dem Arbeitsmarkt? Die gute Nachricht lautet: Zeugnisse und Noten sind eben nicht alles, wenn es um den Einstieg in den Beruf geht

„Alles wird gut.“ So steht es auf einer Holzskulptur, die der Geschäftsführer der Berufsbildungswerkstatt (BBWe), Thomas Aring, von Lehrgangsteilnehmern aus dem Berufsfeld Farbe und Raumgestaltung zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. Gilt das auch für Förderschüler, wenn sie ihren geschützten Lernraum verlassen und auf dem Arbeitsmarkt einen Ausbildungsplatz suchen? Aring schätzt, dass aktuell rund 20 Prozent seiner insgesamt 500 Lehrgangsteilnehmer von der Förderschule kommen. Sie alle konnten nach der Schule keinen Ausbildungsplatz bekommen und trainieren jetzt im Rahmen eines Berufsvorbereitsungsjahres oder eines Werkstattjahres für den ersten Ausbildungsmarkt.


„Viele, die zu uns kommen, erleben im ersten halben Jahr einen richtigen Entwicklungsschub und sind dann auch besonders motiviert“, berichtet Aring. Wie es im optimalen Fall laufen kann, zeigen die 17-jährige Katharina Schaefer und der 19-jährige Patrick Hoppe. Beide haben eine Mülheimer Förderschule für Lernbehinderte bes…