Direkt zum Hauptbereich

Ein Mann sieht Rot

😒Gestern konnte ich Ihnen an dieser Stelle noch davon berichten wie ich in der olivgrĂŒn getarnten S-Bahn vorankam. Heute bin ich schon einen Schritt weiter und muss Ihnen berichten, dass ich regelmĂ€ĂŸig Rot sehen, wenn ich an der Straßenbahnhaltestelle Marienplatz stehe und die Absicht habe dort die Oberhausener Straße zu ĂŒberqueren. Dann sehe nicht nur ich dort rot und das lĂ€nger als mir lieb ist. Selbst wenn die Fahrbahn frei und weit und breit kein Auto zu sehen ist, will die FußgĂ€ngerampel dort partout nicht auf GrĂŒn umspringen. Will hier ein fanatischer Autofahrer freie Fahrt fĂŒr freie BĂŒrger durchsetzen? Aber was ist mit der Freiheit der zu Fuß gehenden BĂŒrger, deren Lebenszeit ja auch begrenzt ist. Ich habe den Verdacht, dass da das Team der Fernsehshow „Verstehen Sie Spaß im Spiel“ ist. Vielleicht warten die Kollegen von Guido Cantz auf den ersten gesetzestreuen FußgĂ€nger, der an der dauerroten Ampel ĂŒbernachtet und kurz nach Mitternacht mit der Frage aufgeweckt wird: „Verstehen Sie Spaß!“ TatsĂ€chlich habe ich noch keinen FußgĂ€nger erlebt, der nicht spĂ€testens nach fĂŒnf Minuten Wartezeit sich ĂŒber das Dauerrot hinweggesetzt und sich nach einem vorsichtigen Blick nach rechts eine grĂŒne Welle gegeben hĂ€tte, ohne vorher mit seinem MitlĂ€ufer ĂŒber diese verdammte rote FußgĂ€ngerampel geschimpft zu haben. Vielleicht sind wir, die wir an der Haltestelle Marienplatz stehen und gehen auch Teil eines sozialwissenschaftlichen Langzeitexperimentes, das unser Potenzial an zivilem Ungehorsam und Solidarisierung mit ausgebremsten FußgĂ€ngern testet. Doch am Ende wird es wohl viel profaner sein. Da wird ein schlauer Ingenieur oder IT-Experte seine Programmierung der Ampelsteuerung mit der ein oder anderen 0 oder 1 an der falschen Stelle geschrieben haben, so dass die besagte Ampel an der Haltestelle Marienplatz glaubt, dass dort nur alle 100 Jahre statt alle 100 Sekunden ein FußgĂ€nger die Oberhausener Straße ĂŒberqueren will. Kein Wunder. Marienplatz. Das hört sich ja auch irgendwie schon nach himmlischer Ewigkeit an. Wen interessiert da noch eine rote Ampel?

Dieser Text erschien am 28. MĂ€rz 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Am liebsten hört sie Radio: Margarete Sonnenschein feierte jetzt ihren 100. Geburtstag

"Wie alt bin ich jetzt? 100?!“ fragt Margarete Sonnenschein, wĂ€hrend sie mit ihren Mitbewohnerinnen in der Villa Nestor bei Kaffee und Kuchen ihren dreistelligen Geburtstag feiert. 

Seit zehn Jahren lebt sie  in einer Wohngemeinschaft, die von den Pflegepartnern betreut wird. Weil sie aufgrund einer Makuladegeneration nicht mehr sehen kann, hört sie am liebsten Radio. Besonders bedauert sie es, dass ihr Lieblingsmoderator JĂŒrgen Domian nicht mehr auf Sendung ist. Seine seelsorgerischen GesprĂ€che mit Menschen in unterschiedlichsten und schwierigsten Lebenslagen hat die ehemalige Bibliothekarin und BuchhĂ€ndlern immer besonders gerne gehört. Deshalb freut sich Sonnenschein darĂŒber, dass ihr Pflegedienstleiterin Karin Eberlein und ihre Mitbewohnerinnen eine CD-Sammlung mit Domians besten GesprĂ€chen geschenkt haben.

Schwere Zeiten kennt die Dame, die zweimal verheiratet war und vor 35 Jahren ihren einzigen Sohn begraben musste, nur zu gut.

Noch im Ersten Weltkrieg geboren, musste sie die…

Welche Chancen haben FörderschĂŒler auf dem Arbeitsmarkt? Die gute Nachricht lautet: Zeugnisse und Noten sind eben nicht alles, wenn es um den Einstieg in den Beruf geht

„Alles wird gut.“ So steht es auf einer Holzskulptur, die der GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Berufsbildungswerkstatt (BBWe), Thomas Aring, von Lehrgangsteilnehmern aus dem Berufsfeld Farbe und Raumgestaltung zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. Gilt das auch fĂŒr FörderschĂŒler, wenn sie ihren geschĂŒtzten Lernraum verlassen und auf dem Arbeitsmarkt einen Ausbildungsplatz suchen? Aring schĂ€tzt, dass aktuell rund 20 Prozent seiner insgesamt 500 Lehrgangsteilnehmer von der Förderschule kommen. Sie alle konnten nach der Schule keinen Ausbildungsplatz bekommen und trainieren jetzt im Rahmen eines Berufsvorbereitsungsjahres oder eines Werkstattjahres fĂŒr den ersten Ausbildungsmarkt.


„Viele, die zu uns kommen, erleben im ersten halben Jahr einen richtigen Entwicklungsschub und sind dann auch besonders motiviert“, berichtet Aring. Wie es im optimalen Fall laufen kann, zeigen die 17-jĂ€hrige Katharina Schaefer und der 19-jĂ€hrige Patrick Hoppe. Beide haben eine MĂŒlheimer Förderschule fĂŒr Lernbehinderte bes…

Vom Untergang einer kleinen GeschĂ€ftswelt: Vor 30 Jahren wurden die Bahnbögen an der Bahnstraße geöffnet

Der 30. und 31. Januar ist in meinem Kalender rot angestrichen", erzĂ€hlt Familienforscherin BĂ€rbel Essers. Dass das so ist, hat mit der Geschichte ihrer Familie zu tun. Denn am 30. und 31. Januar 1981 wurde das GeschĂ€ft ihrer Eltern am Bahnbogen 19 abgerissen. Mit diesem Abriss ging vor 30 Jahren eine lange GeschĂ€ftstradition unter den Bahnbögen an der Bahnstraße zu Ende. Denn als Gerhard Essers 1955 dort sein GeschĂ€ft fĂŒr Angler- und Campingbedarf eröffnete, war er nicht der einzige GeschĂ€ftsmann, der unter den 1865 errichteten und 1866 als Eisenbahntrasse in Betrieb genommenen Bahnbögen sein Quartier aufgeschlagen hatte.
Seine 1961 geborene Tochter erinnert sich nicht nur an eine legendÀre Pommesbude, eine Eisdiele und den Löschbogen, der damals noch wirklich unter dem Bahnbogen Bier und mehr ausschenkte und die traditionelle Stammkneipe der Marktleute war.

Als Essers noch ein Kind war, handelten ihre Nachbarn unter den Bahnbögen zum Beispiel mit Lederwaren, Obst und GemĂŒse, Kart…