Direkt zum Hauptbereich

Schutzengel der Zivilisation

In diesen Tagen, in denen das Corona-Virus unsere Welt aus den Angeln hebt, hat man manchmal das Gefühl, sein blaues Wunder zu erleben. Da sieht, hört und liest man von Menschen, die mit medizinischem Hilfsmaterial zu Wucherpreisen einen Riesenreibach machen. Da erlebt man Zeitgenossen, die offensichtlich ein Eichhörnchen in der Verwandtschaft haben müssen. Denn sie kaufen ohne Rücksicht auf ihre Nachbarn den halben Supermarkt leer, um Lebensmittel und andere Dinge des täglichen Bedarfs zuhause zu horten. Und da gibt es auch unverschämt geschäftstüchtige Vermieter, die ihre Mieter in diesen Zeiten von corona-bedingtem Lagerkoller und wirtschaftlicher Existenzangst mit Modernisierungsankündigungen und Mieterhöhungen drangsalieren. Da könnte man schon an der Spezies Mensch verzweifeln, wenn man nicht auch von jenen Mitmenschen lesen, hören und sehen würde, die gerade jetzt ihrem Namen alle Ehre machen, indem sie für alte Nachbarn einkaufen, einsame Mitmenschen anrufen oder Lebensmittel und Hygieneartikel für Bedürftige und Obdachlose spenden. Sie machen uns Mut. Denn sie zeigen, dass sich die menschlichen Tugenden und Laster auch in der Krise nicht immer, aber doch öfter, als man manchmal denkt, die Waage halten. Diese Schutzengel der Zivilisation lassen uns aufatmen und erkennen, dass es auch in diesen von Corona und Angst befallenen Tagen nicht nur blaue Wunder und viele Gründe gibt, schwarz zu sehen.


Dieser Text erschien in der NRZ vom 31. März 2020

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Am liebsten hört sie Radio: Margarete Sonnenschein feierte jetzt ihren 100. Geburtstag

"Wie alt bin ich jetzt? 100?!“ fragt Margarete Sonnenschein, während sie mit ihren Mitbewohnerinnen in der Villa Nestor bei Kaffee und Kuchen ihren dreistelligen Geburtstag feiert. 

Seit zehn Jahren lebt sie  in einer Wohngemeinschaft, die von den Pflegepartnern betreut wird. Weil sie aufgrund einer Makuladegeneration nicht mehr sehen kann, hört sie am liebsten Radio. Besonders bedauert sie es, dass ihr Lieblingsmoderator Jürgen Domian nicht mehr auf Sendung ist. Seine seelsorgerischen Gespräche mit Menschen in unterschiedlichsten und schwierigsten Lebenslagen hat die ehemalige Bibliothekarin und Buchhändlern immer besonders gerne gehört. Deshalb freut sich Sonnenschein darüber, dass ihr Pflegedienstleiterin Karin Eberlein und ihre Mitbewohnerinnen eine CD-Sammlung mit Domians besten Gesprächen geschenkt haben.

Schwere Zeiten kennt die Dame, die zweimal verheiratet war und vor 35 Jahren ihren einzigen Sohn begraben musste, nur zu gut.

Noch im Ersten Weltkrieg geboren, musste sie die…

Welche Chancen haben Förderschüler auf dem Arbeitsmarkt? Die gute Nachricht lautet: Zeugnisse und Noten sind eben nicht alles, wenn es um den Einstieg in den Beruf geht

„Alles wird gut.“ So steht es auf einer Holzskulptur, die der Geschäftsführer der Berufsbildungswerkstatt (BBWe), Thomas Aring, von Lehrgangsteilnehmern aus dem Berufsfeld Farbe und Raumgestaltung zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. Gilt das auch für Förderschüler, wenn sie ihren geschützten Lernraum verlassen und auf dem Arbeitsmarkt einen Ausbildungsplatz suchen? Aring schätzt, dass aktuell rund 20 Prozent seiner insgesamt 500 Lehrgangsteilnehmer von der Förderschule kommen. Sie alle konnten nach der Schule keinen Ausbildungsplatz bekommen und trainieren jetzt im Rahmen eines Berufsvorbereitsungsjahres oder eines Werkstattjahres für den ersten Ausbildungsmarkt.


„Viele, die zu uns kommen, erleben im ersten halben Jahr einen richtigen Entwicklungsschub und sind dann auch besonders motiviert“, berichtet Aring. Wie es im optimalen Fall laufen kann, zeigen die 17-jährige Katharina Schaefer und der 19-jährige Patrick Hoppe. Beide haben eine Mülheimer Förderschule für Lernbehinderte bes…

Vom Untergang einer kleinen Geschäftswelt: Vor 30 Jahren wurden die Bahnbögen an der Bahnstraße geöffnet

Der 30. und 31. Januar ist in meinem Kalender rot angestrichen", erzählt Familienforscherin Bärbel Essers. Dass das so ist, hat mit der Geschichte ihrer Familie zu tun. Denn am 30. und 31. Januar 1981 wurde das Geschäft ihrer Eltern am Bahnbogen 19 abgerissen. Mit diesem Abriss ging vor 30 Jahren eine lange Geschäftstradition unter den Bahnbögen an der Bahnstraße zu Ende. Denn als Gerhard Essers 1955 dort sein Geschäft für Angler- und Campingbedarf eröffnete, war er nicht der einzige Geschäftsmann, der unter den 1865 errichteten und 1866 als Eisenbahntrasse in Betrieb genommenen Bahnbögen sein Quartier aufgeschlagen hatte.
Seine 1961 geborene Tochter erinnert sich nicht nur an eine legendäre Pommesbude, eine Eisdiele und den Löschbogen, der damals noch wirklich unter dem Bahnbogen Bier und mehr ausschenkte und die traditionelle Stammkneipe der Marktleute war.

Als Essers noch ein Kind war, handelten ihre Nachbarn unter den Bahnbögen zum Beispiel mit Lederwaren, Obst und Gemüse, Kart…