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Mülheim zeigt sich poetisch

Der Poesie unserer Mitbürger im Medienhaus zu lauschen, war ein Literatur-Erlebnis, das mehr Gedichte und mehr Zuhörer verdient gehabt hätte. 

„Lyrik, lieber nicht.“ So denkt mancher, der sich noch an seinen eigenen misslungenen Lyrikvortrag in Schulzeiten schaudernd erinnert. Doch die Lyrik ist bodenständiger und aussagekräftiger, als viele prosaisch veranlagte Literaturfreunde denken. Das zeigte am Dienstagabend der Auftakt zu den 20. Herbstblättern.
Im Medienhaus inszenierten Schauspieler Rupert Seidl vom Theater an der Ruhr und Nachwuchs-Gitarrist Jannik Meynek Lyrik, die literarisch inspirierte Mülheimer über so alltäglich schöne oder präsente Dinge, wie den Kaffeegenuss, den Musikgenuss, den Naturgenuss oder auch so unausweichliche profane Dinge, wie den Strukturwandel im Ruhrgebiet geschrieben haben.
Mal malerisch und romantisch, mal witzig und mit dem Schalk im Nacken verfasst, kamen die von einer Jury um den Lyriker und pensionierten Deutsch-Lehrer Franz Firla zur Herbstblätter-Lesung ausgewählten 13 Gedichte bei den leider viel zu wenigen Zuhörern im Medienhaus gut an. „Wir haben wirklich viele literarische Talente in unserer Stadt“, sagte die Leiterin der Stadtbibliothek, Claudia vom Felde, mit Blick auf die 100 Gedichte, die Mülheimer seit April diesen Jahres geschrieben und in den Lyrik-Briefkasten des Medienhauses geworfen haben.
Vom Felde und Firla könnten sich vorstellen, die zunächst in einem Aktenordner gesammelten und ausgelegten Gedichte in einem Buch zu veröffentlichen oder auch bei Literatur- und Kulturveranstaltungen der Stadtbibliothek als Impulsgeber einfließen zu lassen. „Ich hatte bei der Hälfte der eingereichten Texte das spontane Gefühl, dass sie mich geradezu angesprungen haben, weil sie inhaltlich und sprachlich einfach pfiffig sind“, lobte Franz Firla die Poesie seiner Mitbürger.
„Ich habe die Texte als vielseitig und fantasievoll erlebt und es begeistert mich, dass sich Menschen im Zeitalter des Internets heute noch Zeit nehmen, um Gedichte über Dinge zu schreiben, die sie bewegen“, betonte Rupert Seidl nach der knapp einstündigen Auftaktveranstaltung der Herbstblätter.
Am Rande der Auftaktlesung der Herbstblätter machte eine Mülheimerin ihrem Ärger darüber Luft, dass sie das von ihr geschriebene und in den Lyrik-Postkasten der Stadtbibliothek eingeworfene Gedicht „Ge-Danken an Karl-Erivan Haub“ nicht in dem ausgelegten Gedicht-Ordner wiederfinde.
Sie stellte die Frage: „Haben Sie mein Gedicht etwa geschreddert?“
Ein Jury-Mitglied verneinte dies mit dem Hinweis: „Wir haben Ihr Gedicht nicht in unsere Sammlung aufgenommen, weil es uns als zu persönlich und als zu speziell erschienen ist.“
Dieser Text erschien am 10. Oktober 2018 in NRZ & WAZ


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