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Eine Stadt setzt sich in Szene: Mülheim-Filme im Wandel des Zeitgeistes


"Kamerateam nimmt Mülheim aufs Korn“, heißt es vor 40 Jahren in der NRZ. Anfang der 70er Jahre sieht sich die Stadt auf dem Weg zur 200 000 Einwohner zählenden Großstadt und will sich ins rechte Bild setzen.


Drei Wochen durchstreifen Regisseur Harro Börner, Kameramann Klaus Krämer und Assistent Gerd Umbach die Ruhrstadt auf der Suche nach Motiven für ihren Film „Ein Brief aus Mülheim“. Auf dem Rathausturm verschaffen sie sich zu Beginn der Dreharbeiten am 19. Mai 1970 einen ersten Überblick. Danach geht es in die Altstadt, wo das Tersteegenhaus gefilmt wird. Anschließend steht ein Ausflug ins Ruhrtal auf dem Programm des im Auftrag der Stadt arbeitenden Filmteams. Altstadt und Weiße Flotte, das sind bei allem Wandel im Mülheimer Selbstbildnis die Konstanten in allen Mülheim-Filmen, die nach dem Zweiten Weltkrieg gedreht worden sind.


Doch wer die offiziellen Mülheim-Filme der 70er Jahre „Ein Brief aus Mülheim“ und „Das Motiv Mülheim“ mit den Stadt-Streifen aus den 50er Jahren „Ein Tag wie viele“ und „Ein kleiner Fluss mit Perspektive“ miteinander vergleicht, erkennt auf den ersten Blick markante Unterschiede des Zeitgeistes. In den 50er Jahren ist zwar auch von Mülheims landschaftlichen Reizen die Rede. Wir sehen die unvermeidlichen Schiffe der Weißen Flotte und den so heute nicht mehr vorhandenen alten Flora-Biergarten an der Ruhr und urwüchsige alte Mölmsche, die es sich an ihrem Lebensabend auf einer Bank am Ruhrufer bequem machen. Doch im Mittelpunkt stehen Arbeit und Wiederaufbau. Kumpel fahren unter Tage ein. An der Friedrich-Wilhelms-Hütte wird noch ein Hochofen in Gang gehalten, der täglich 1000 Tonnen Eisen ausspruckt. Stolz werden Wohnungs- und Schulneubauten präsentiert. Die stadtnahe Natur sieht man vor allem als Ort, an dem man sich von Tagen voller Arbeit und Anstrengung erholen kann. Was auffällt: Die meisten Menschen sind zu Fuß, mit Rad, Motorrad oder Straßenbahn unterwegs. Die zockelt noch über die alte Schloßbrücke. Und der Innenstadtverkehr wird noch von Polizisten geregelt.
Welcher Unterschied zu den schwungvollen und fortschrittsgläubigen Siebzigern. Die Röcke sind kürzer, die Filmschnitte schneller und die Flimmusik ist fetziger geworden. Die Stadtfilme erinnern an Spielfilme.


Der Autoverkehr fließt in Massen und ungebremst. Stolz präsentiert man auch die Hochhäuser am Hans-Böckler-Platz. 1970 sind sie noch im Modell zu sehen. Von einer Stadtmitte 2 ist die Rede: „Man wollte Menschen in Mülheim und keine leer gefegten Straßen nach Feierabend“, heißt es. Bilder von vollen Gaststätten und Straßencafés auf der Schloßstraße vermitteln den Eindruck einer Stadt, in der man jetzt auch die schönen Seiten des Lebens zu genießen weiß.
Der „kleine Markt“ am Rathaus steht noch voller Stände und ist so groß, wie man ihn heute gerne hätte. Stolz präsentiert man neben dem City- auch das 1973 eröffnete Rhein-Ruhr-Zentrum als damals größtes Einkaufszentrum Europas: „Hier macht das Einkaufen Spaß. Da kann der Regenschirm zu Hause bleiben.“


Sind es 1970 im „Brief aus Mülheim“ zwei Folkwang-Schauspielschüler, die ein Ehepaar mimen, das sich in seiner künftigen Heimatstadt umschaut und seine ersten Eindrücke in einem Brief an Freunde zusammenfasst, macht sich im auch bei Film-Festivals ausgzeichneten „Motiv“-Mülheim-Film 1975 ein Fotograf zum Teil recht waghalsig auf Motivsuche in der Stadt und fotografiert echt filmreif aus dem offenen Hubschrauber.



Hintergrund: Horst Kimmerfeldt ist im städtischen Medienzentrum am Synagogenplatz der Herr der Filme. Insgesamt hat er 9500 Filme in seinem Archiv, davon 85 rund um das Thema Mülheim. Diese Filme werden zum Beispiel von Kindergärten, Schulen, Unternehmen, städtischen Ämtern, aber auch von interessierten Bürgern angefordert. Zurzeit überarbeitet die Mülheimer Stadtmarketing- und Tourismusgesellschaft MST zusammen mit einer Münsteraner Filmproduktion den letzten großen Mülheim-Film, der 2005 gedreht und seitdem rund 3000 mal verkauft wurde. Seine Neufassung wir ab Ende Juni im MST-Infocenter am Synagogenplatz für knapp 10 Euro zu bekommen sein. Die zuständige MST-Mitarbeiterin Heike Blaeser-Metzger schätzt die Produktionskosten des neuen Mülheim-Films auf rund 20.000 Euro. Zum Vergleich: Den ersten Mülheim-Film der Nachkriegszeit ließ sich die Stadt 1953 rund 34.000 Mark kosten. Der 1957 gedrehte Film "Kleiner Fluss mit Perspektive" kostete sie 54.000 Mark. Und der 1975 gedrehte Film "Motiv Mülheim" kostete am Ende rund 100.000 Mark.
Dieser Text erschien am 19. Mai 2010 in der NRZ

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