Sonntag, 9. Mai 2010

Was die Wähler von morgen zur Landtagswahl sagen: Ein Gespräch mit Zehntklässlern der Otto-Pankok-Schule



Heute werden sie ihre Stimmen noch nicht abgeben. Aber die Landtagswahl entscheidet auch über ihre Zukunft. Ich sprach für die NRZ mit den 16- und 17-jährigen Schülern der Klasse 10d am Otto-Pankok-Gymnasium, die bei der Kommunalwahl bereits zum ersten Mal ihr Kreuz gemacht haben, darüber, was sie von Politikern erwarten und was sie von der landespolitischen Kontroverse über die Zukunft des Schulsystems halten.


Matthias Wesser und seine Klassenkameraden sind gut vorbereitet. Gerade erst haben sie im Geschichts- und Politikunterricht über die erste Landtagswahl 1947 und die Besonderheiten von Erst- und Zweitstimme bei dieser Landtagswahl gesprochen. Erstaunt waren sie zum Beispiel darüber, dass auch die CDU vor 63 Jahren mit ihrem Ahlener Programm für die Verstaatlichung der Grund- und Schwerindustrie eintrat und das es auch damals eine Wahlbeteiligung gab, die mit 67 Prozent etwa auf dem heutigen Niveau lag, weil viele Menschen zwei Jahre nach dem Ende von Krieg und NS-Diktatur nichts mit Politik und Parteien zu tun haben wollten.Mit Blick auf die kommende Landtagswahl sind Matthias vor allem die Themen Bildung und Umwelt wichtig, weil sich in diesen Politikfeldern entscheidet, wie er in Zukunft in unserer Gesellschaft leben kann. Dabei denkt er etwa an die Laufzeiten von Atomkraftwerken und deren Langzeitfolgen. Die Wahlkampf-Debatte über das Pro und Contra von Gemeinschaftsschule und einem gegliederten Schulsystem sieht er skeptisch. Wenn Schüler aus ganz unterschiedlichen Gesellschaftsschichten mit ihren ganz unterschiedlichen Problemen und Begabungen zusammenkommen, werde das auch "neue Konfliktherde" schaffen, ist Matthias überzeugt. Gleichzeitig findet er es gut, "wenn starke Schüler leistungsschwächeren Schülern helfen." Doch statt über einen Systemwechsel nachzudenken hielte es Matthias für sinnvoller zum alten Abitur nach neun weiterführenden Schuljahren zurückzukehren, "weil das doch bisher gut funktioniert hat."


Seine Mitschülerin Anna Briel-Pump rät Politikern, öfter in die Schulen zu kommen, "um mehr Kontakt zu Jugendlichen und Schulwissen aus erster Hand zu bekommen." Auch sie warnt davor, "das ganze Modell des G9-Abiturs, das funktioniert hat, einfach wegzuwerfen." Stattdessen würde sie sich vom Land kleinere Klassen und mehr Förderkurse wünschen. Wenn Anna am Sonntag bereits wählen dürfte, würde sie die Chance meine Stimme anzugeben nicht verschenken", weil "man sich auch einbringen muss, wenn man mit darüber entscheiden, will, wie wir später leben."


Ihr Klassenkamerad Julian Laufs wünscht sich von den Landespolitikern, dass sie bei ihrer Schulstrukturdebatte "daran denken, was mit den Schülern passiert, wenn das Schulsystem jetzt umstrukturiert würde." Er hofft, "dass man jetzt erst mal die Umstellung vom G8 auf das G9-Abitur vernünftig durchzieht, ehe man vielleicht in zehn Jahren wieder über etwas ganz anderes nachdenkt." Im Wahlkampf sieht Julian, dass Politiker "vor allem das Positive herauskehren" und auf plakative Themen setzen, "mit denen sie die Wähler packen können", während die Probleme, "für die sie keine wirkliche Lösung haben eher hinten runterfallen." Aus Frust über Politiker und Parteien sein Wahlrecht nicht wahrzunehmen, wäre für Laufs keine Lösung. "Denn", so sagt er: "Wenn wir nicht wählen, wählen wir Parteien, die wir nicht wollen. Und wenn Politiker wahllos an die Macht kommen, bekämen wir wieder furchtbare Verhältnisse."


Julians Mitschüler Maxim Nederkorn findet: "Eine Einheitsschule ist ja im Ansatz nicht schlecht. Doch man sollte sich erst mal darauf konzentrieren, dass das neue G8-System, also das Abitur nach 12 Schuljahren besser funktioniert, in dem man zum Beispiel auch Förderprogramme für Schüler anbietet." Er könnte sich vorstellen, dass Schüler künftig nicht mehr nur vier, sondern sechs Jahre zusammen lernen, ehe sie ein weiterführende Schulform wählen. Maxim hat den Eindruck, dass Politiker "mehr auf ihre öffentliche Wirkung bedacht sind und weniger auf die Probleme der Menschen eingehen." Dennoch glauben Matthias und Maxim: "dass man mit Politik definitiv die Lebensbedingungen von Menschen verbessern kann, wenn man es auch angeht." Deshalb würden sie ihre Wahlrecht nicht ungenutzt lassen, "weil das ein Bestandteil unserer Demokratie ist und dafür sorgt, dass die extremen Parteien nicht immer weniger Gegenspieler haben."


Leonie Hallmann hat im Landtagswahlkampf den Eindruck gewonnen, "dass Politiker mehr auf die Probleme von älteren als auf die der jungen Menschen eingehen, weil es in unserer Gesellschaft immer weniger Junge und immer mehr Ältere gibt." Für ihren Geschmack ist zu viel von Rente und zu wenig von Studiengebühren die Rede. Letztere sind ihr ein Dorn im Auge: "Es ist nicht mehr so einfach zu studieren, wenn man kein Geld hat und in einen höheren Beruf gelangen will. Doch wir brauchen mehr qualifizierte Leute", findet Leonie und plädiert deshalb zumindest für niedrigere Studiengebühren und bessere Studienbedingungen. Mit Sorge sieht sie die Zukunft ihres Jahrganges, der 2013 als Doppeljahrgang der G8 und G9-Abiturienten auf den Arbeits- und Ausbildungsmarkt strömen wird. "Dann müssen sich doppelt so viele Schulabgänger die gleiche Zahl von Ausbildungs- und Studienplätzen teilen, so dass sie am Ende weniger Chancen haben", befürchtet Leonie. Weil sie sich jetzt vor allem von älteren Politikern und Wählern, "die die Lebenswirklichkeit von Jugendlichen nicht immer nachvollziehen können, fremdbestimmt" fühlt, wünscht sie sich, dass das Wahlalter im Land, wie bereits in den Städten auf 16 Jahre herabgesetzt wird, damit auch "wir Jüngeren besser über unsere Zukunft mitbestimmen können."


Wichtiger als Schule und Studiengebühren, ist für Antonia Fangmann der Umwelt- und Klimaschutz. "Das Thema Schule ist für uns in drei Jahren erledigt. Aber mit unserer Umwelt müssen wir noch länger leben," betont sie und macht klar: "Unser jetziger Lebensstil ist viel zu belastend für die Umwelt. Da muss sich etwas ändern. Das, was bisher für den Umweltschutz getan wird reicht nicht aus." Den Bau von Elektroautos sieht sie nur als ersten Schritt. Politiker müssten auch mehr für den Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs tun und Menschen davon überzeugen, "dass man viele Wege zu Fuß zurücklegen kann." Doch Antonia gibt sich keinen Illusionen hin: "Viele Menschen wollen sich nicht ändern und Politiker wollen im Wahlkampf den Leuten gefallen, um wiedergewählt zu werden." Mit ihrem Klassenkameraden Matthias ist sich Antonia einig, "dass wir uns als Staatsbürger nicht nur die Rosinen herauspicken können" und das Wahlrecht auch die Pflicht beinhaltetet, sich über Parteien und Programme zu informieren, damit man eine fundierte Wahlentscheidung treffen könne.


Ihr Mitschüler Sebastian Pios glaubt, dass sich Jugendliche ernster genommen fühlten, "wenn Politiker öfter in die Schulen kämen, um mit ihnen zu diskutieren und zu überprüfen, ob ihrer System in der Praxis auch funktioniert." Deshalb würde er Politikern auch raten zuerst das vorhandene Schulsystem zu optimieren und eine "Gemeinschaftsschule, die vom Prinzip nicht schlecht ist" vorerst nur an einigen Standorten und auf freiwilliger Basis auszuprobieren, ehe man sie vielleicht in einigen Jahren flächendeckend einführe oder darauf verzichte, ehe die Jugendlichen im bestehenden System zwischen alle Stühlen säßen und das Nachsehen hätten. Handlungsbedarf sieht Sebastian auch bei der Revitalisierung der Städte. "Die Städte müssen wieder attraktiver werden, damit sich die Menschen auch in ihnen wohlfühlen und sich für das Gemeinwesen engagieren", glaubt er und rät Politikern, "nicht alles auf einmal machen zu wollen, sondern sich auf einige zentrale Aufgaben zu konzentrieren." Um Jugendliche mehr für Politik zu interessieren und sie zu befähigen, ihr Wahlrecht auszuüben, würde sich der Schüler wünschen, das jeweils im Monat vor einer wichtigen Wahl eine Wochenstunde für die Auseinandersetzung mit aktuellen politischen Themen, Politikern und Parteiprogrammen reserviert würde.
Über seine Jugend im Ersten Weltkrieg schrieb der 1893 in Saarn geborene Künstler Otto Pankok (Foto) "Unsere energiegeladene Jugend hat man geknebelt, versklavt und zermürbt. Man hat uns zur Verzweiflung getrieben und jeden Funken aus dem Schädel geknallt." Er zeigte damit auch, was passieren kann, wenn Bürger sich nicht um Politik kümmern.


Dieser Text erschien am 7. Mai 2010 in der NRZ.

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