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Zeitzeuge Helmut Herrmann berichtete Schülern aus seiner Kindheit und Jugend unter dem Hakenkreuz

Zeizeuge Helmut Herrmann zu Gast an der Realschule
Mellinghofer Straße
Geschichte steht auf dem Stundenplan der Zehntklässler an der Realschule Mellinghofer Straße. „Normalerweise lernen wir Geschichte aus Büchern und Filmen. Aber heute können wir jemanden befragen, der Geschichte selbst erlebt hat“, freut sich Schülerin Johanna.

Der 1929 geborene Helmut Herrmann, einst Betriebsrat bei Siemens, Ehrenvorsitzender der örtlichen Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes und des Bundes der Antifaschisten, leistete in den 80er Jahren Pionierarbeit bei der Erforschung und Dokumentation von Widerstand und Verfolgung in Mülheim unter dem Hakenkreuz.

Heute wollen die 15 und 16 Jahre alten Realschüler von ihm wissen, wie er den Nationalsozialismus als Jugendlicher erlebt hat. Ihre gezielten Fragen zeigen, dass sie sich gut vorbereitet haben. Kannten sie jüdische Altersgenossen? Wurden Sie von den Nazis verfolgt? Wie haben Sie den Zweiten Weltkrieg erlebt? 

Alle Schüler hören gespannt zu, wenn ihnen Herrmann erzählt, wie das war, als die SA sein Elternhaus durchsuchte und seinen Vater mitnahm, weil der ein bekennender Kommunist und Gegner Hitlers war. „Meine Mutter musste damals erst mal herausfinden, wo mein Vater inhaftiert worden war“, erinnert sich Herrmann. Seine Mutter und ihre sechs Kinder hatten noch Glück, denn der Vater kam nach eineinhalb Jahren wieder nach Hause, wurde aber ständig überwacht. Unangemeldete Hausbesuche der braunen Staatsmacht waren an der Tagesordnung.

„Ich hatte in meiner Jugend keine Gelegenheit, Juden kennenzulernen. Aber auch meine Geschwister und ich wurden als Außenseiter ausgegrenzt, weil unsere Eltern Kommunisten waren und nicht wollten, dass wir zum Jungvolk, in die Hitlerjugend oder zum Bund deutscher Mädel gingen. Als Begründung haben sie uns damals nur gesagt: Wir haben kein Geld für die Uniformen“, berichtet Herrmann den betroffenen Schülern.

Besonders berührt sie seine Geschichte von dem Angriff tieffliegender Jagdbomber, den Herrmann gegen Kriegsende als junger Landarbeiter erlebte und sich dabei vor lauter Todesangst in die Hose machte.

Aber auch eine Geschichte der Menschlichkeit weiß Herrmann zu berichten. Er erzählt vom stellvertretenden Ortsbauernführer, der ihn einstellte, obwohl er wusste, dass sein Vater Kommunist war und der während des Krieges einen entlaufenen ukrainischen Zwangsarbeiter bei sich aufnahm und ordentlich behandelte, weil er wusste, dass er als Mitglied der NSDAP  keine staatlichen Kontrollen und Repressalien fürchten musste.

„Wir sind alle Menschen und haben das gleiche Recht zu leben, egal, woher wir kommen, was wir glauben oder was wir denken. Und deshalb müssen wir zusammen alles dafür tun, dass sich Ähnliches, wie damals nie wiederholen kann“, gibt Herrmann den Schülern mit auf ihren Weg.

Seine Botschaft kommt an: „Es ist toll, dass wir heute frei unsere Meinung sagen und überall hinfahren können. Und deshalb müssen wir uns auch dafür einsetzen, dass Demokratie und Freiheit in unserem Land erhalten bleiben“, sind sich Schüler Sefa und seine Mitschülerin Beyza nach der 90-minütigen Gesprächsrunde einig.

Und was sagen die Lehrer? „Das war eine gelungene Mischung aus biografischer Erzählung, historischen Fakten und persönlichen Emotionen“, sagt Realschulrektorin Judith Koch 

„Die Schülerinnen und Schüler haben authentische Geschichte zum Anfassen erlebt, die sie so sonst nicht zu fassen bekommen“, sagt Geschichtslehrer Christian Kamann.

Dieser Text erschien in der NRZ und in der WAZ vom 23. Mai 2017

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