Donnerstag, 18. Mai 2017

Weit weg und doch ganz nah: Alte Feldpostbriefe haben Wolfgang Geibert seinen 1944 in Weißrussland gefallenen Vater nahegebracht: Lange ließ er dessen Geschichte auf sich beruhen

Wolfgang Geibert mit einem Bild seines 1944
gefallenen Vaters Jakob.
„Mein Liebling, ich weiß zwar nicht, ob ich so wiederkomme, wie ich jetzt gehe und stehe, aber ich werde wiederkommen. Die Anstrengungen sind groß. Aber für unser deutsches Vaterland und unsere Lieben zu Hause halten wir gerne durch. Wo ich auch bin, denke ich an dich, mein liebes Goldfrauchen.“ Der am 13. April 1943 geborene Wolfgang Geibert, den viele Mülheimer aus seiner Zeit als SPD-Bezirksvertreter kennen, liest aus einem Feldpostbrief, den sein Vater Jakob am 27. Juni 1944 im Frontabschnitt südlich der weißrussischen Hauptstadt Minsk geschrieben hat. Einen Tag später wurde der Infanteriesoldat der Wehrmacht dort beim Botengang durch einen Herzschuss getötet.

Der 23-Jährige hinterließ seine gleichaltrige Frau Klara und seinen einjährigen Sohn Wolfgang.

Wolfgang Geibert legt den mit einem gemalten Herz geschmückten Brief seines Vaters beiseite und nimmt ein kleines Stück Birkenrinde, auf das Jakob Geibert einen kleinen Blumenstrauß gemalt und den Satz geschrieben hat: „Liebes Bübelein, alles Gute für deinen weiteren Lebensweg wünscht dir dein Papa!“

Die Lektüre bewegt den 74-jährigen Geibert. Doch er gibt zu, „dass ich mich lange nicht für meinen Vater interessiert habe, weil ich ihn nie kennengelernt habe, und weil ich einen sehr guten Stiefvater hatte, der mich meinen Vater hat vergessen lassen.“

Vier Jahre nach ihrer Kriegshochzeit mit Jakob Geibert heiratete Geiberts Mutter Klara 1946 den Stadtgärtner Willi Heckhoff. 1947 wurde sein Stiefbruder Willi geboren. Die drei waren seine Familie, auch wenn sie Heckhoff hießen und er Geibert.

Das musste er als Schüler während der 1950er Jahre immer wieder erklären, ebenso, wie seine katholische Konfession, mit der er sich von seinen evangelischen Eltern und seinem evangelischen Halbbruder unterschied. Während Eltern und Bruder sonntags zum Gottesdienst ins Haus Jugendgroschen gingen, ging er in die Klosterkirche. Hier feierte er auch 1954 seine erste Heilige Kommunion und 1968 seine Hochzeit mit seiner Frau Monika.

„Du bist so stur, aber auch so kreativ und aufsässig, wie dein gefallener Vater! Außerdem magst du, wie er, Kuchen und Suppe, aber keine Butter auf dem Wurstbrot“, das hat ihm seine Mutter immer wieder mal gesagt. Ein mit Blumen geschmücktes Bild des gefallenen Vaters stand immer in der elterlichen Wohnung. Als seine Mutter im Jahr 1996 verstarb, fand Wolfgang Geibert in ihrem Nachlass eine Mappe mit Unterlagen des im Jahr 1944 umgekommenen Vaters. „Ich habe die Mappe nicht geöffnet, sondern fast 15 Jahre in meinem Schreibtisch ruhen lassen. Erst als ich jetzt umzugsbedingt auf- und ausräumen musste, öffnete ich auch die Mappe meines Vaters und sah seine Feldpostbriefe mit den gereiften Augen des Alters plötzlich in einem neuen Licht“, berichtet Wolfgang Geibert.

Durch den Volksbund Kriegsgräberfürsorge hat er inzwischen erfahren, dass sein Vater seine letzte Ruhe in einem Massengrab südlich von Minsk gefunden hat. Doch bisher hat er die Reise dort hin nicht gewagt. Denn er leidet unter Flugangst, und eine Zugreise würde 36 Stunden dauern.


Dieser Artikel erschien am 11. Mai 2017 in NRZ/WAZ

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