Dienstag, 23. Mai 2017

Als die Reformation nach Mülheim kam: Ein Gespräch mit dem Histoirker und Buchhautor Jürgen Nierhaus, der darüber geforscht und geschrieben hat


Hans-Werner Nierhaus
Mülheim ist keine Insel. Auch hier kommt die Weltgeschichte an. Das galt auch für die vor 500 Jahren von Martin  Luther angestoßene Reformation. Wie das vonstatten ging, beschreibt der pensionierte Otto-Pankok-Geschichtslehrer Jürgen Nierhaus in seinem Buch über die Reformation in Mülheim. Ein Gespräch mit dem Autor.

Wie kam die Reformation nach Mülheim?

Nierhaus: Das hatte mit dem Broicher Grafen Wirich V. zu tun. Der erlebte Martin Luther als Teilnehmer des Wormser Reichstages kennen und war von seinen Ideen interessiert. 
Warum fand die Reformation auch in Mülheim rasch Zulauf?
Nierhaus: Die Menschen waren mit der zunehmenden  Verweltlichung der Kirche unzufrieden. Das hatte nicht nur mit dem Ablasshandel zu tun. Die Adeligen schoben sich die Pastorenämter gegenseitig zu, weil sie mit Pfründen, das waren Grundstücke und Pachtabgaben, von denen man sehr gut leben konnte, verbunden waren. Dabei setzten viele Pastöre wiederum Vikare ein, die in ihrem Auftrag an den damals drei Altären der Sankt-Petrikirche täglich mehrere Messen feierten. Viele Menschen wollten damals ihr Seelenheil befördern, in dem sie der Kirche ihren Besitz vermachten.

Was veränderte sich an diesen Zuständen mit der Reformation?

Nierhaus: Die Gemeindeältesten, aus denen später die Presbyter wurden, konnten jetzt das Gemeindeleben mitbestimmen. Die Gottesdienste wurden nicht mehr in Latein, sondern in deutscher Sprache gefeiert. Und das Abendmahl wurde in beiderlei Gestalt, dass heißt mit Wein und Brot gereicht. Und der bisher von der Gemeinde abgewandte Pastor feierte nun mit dem Gesicht zur Gemeinde den Gottesdienst. Aus den Pfründen der Petrikirche wurden die Pfarrer und die Armenfürsorge bezahlt, allerdings nicht mehr mit dem Hinweis auf das Seelenheil.

Wer war der erste evangelische Pfarrer in Mülheim?

Nierhaus: Das war der reformierte Prediger Johann Kremer, der in einigen Quellen auch als Jakob Kremer genannt wird, der auf Vermittlung des Herrn von Hardenberg nach Mülheim kam und vom damaligen Broicher Grafen Philipp als Hofprediger angestellt wurde. Seine erste Amtshandlung war die Trauung des ehemaligen Kölner Domherrn Philipp von Broich und Daun-Falkenstein mit der ehemaligen Nonne Kaspara von Holtei, mit der er zwei Kinder hatte, die durch die Hochzeit legitimiert werden.

Verschwand mit der Reformation der gesamte Katholizismus aus Mülheim?

Nierhaus: Nein. Sowohl das Kloster Saarn und die Styrumer Grafen blieben katholisch. Allerdings kamen vereinzelt auch Nonnen aus dem Saarner Kloster zur Petrikirche, um dort den reformierten Gottesdienst mitzufeiern. Man darf nicht vergessen, dass viele Mülheimer, wie Luther, keine Spaltung, sondern nur eine Reform der existierenden Kirche wollten.

Welche Chance hat die Ökumene im 500. Jahr der Reformation?

Nierhaus: Ich glaube, dass die katholische und die evangelische Kirche nicht ganz ehrlich mit diesem Thema umgehen, weil die Institutionen und bürokratischen Strukturen der heutigen Kirchen so verfestigt sind, dass sie die Auseinandersetzung mit dem reinen christlichen Glauben verhindern. Denn die theologischen Unterschiede zwischen Katholiken und Protestanten, für die früher sogar Kriege geführt wurden, haben heute ihre Bedeutung verloren.

Jürgen Nierhaus, der bereits Bücher über den Ersten- und den Zweiten Weltkrieg in Mülheim geschrieben hat, hat jetzt im Essener Klartextverlag ein 300 Seiten starkes Buch „Gesellschaft und Herrschaft - Die Reformation im Duisburger und Mülheimer Raum“ veröffentlicht. 
Neben der bereits früher zu diesem Thema erschienen Fachliteratur dienten Nierhaus auch Briefe und Urkunden aus der Zeit der Reformation, die er im Mülheimer Stadtarchiv im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße 37 gefunden und ausgewertet hat, als Quellen.
Sein Buch ist ab sofort im Buchhandel erhältlich und kostet 22,40 Euro.

Dieser Beitrag erschien am 22. Mai 2017 in NRZ und WAZ

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