Mittwoch, 16. November 2016

Ein Beruf, der zur Berufung wurde: Unterwegs mit dem Bestattermeister Stefan Helmus-Fohrmann

Stefan Helmus-Fohrmann im Kolumbarium an der
Augustastraße in Styrum
Als junger Schreiner hätte sich Stefan Helmus nicht vorstellen können, eines Tages als Bestatter zu arbeiten. Doch dann traf er vor 30 Jahren im Sommerurlaub Mirjam Fohrmann, deren Eltern ein Möbelhaus mit einem angeschlossenem Bestattungsinstitut betrieben. Bald segelten die beiden in den Hafen der Ehe und wurden auch beruflich ein Paar. Irgendwann fragte ihn der Schwiegervater, ob er ihm bei der Überführung eines Verstorbenen helfen könne. Der heute 49-Jährige half und begann damit eine zweite Berufslaufbahn, die ihn zum Bestattungsmeister und Thanatologen werden ließ. Thanatologen sind Fachleute, die auch schwer verletzte Unfall-Opfer mit Schminke, Wachs und Füllstoffen so präsentieren, dass sich die Hinterbliebenen bei der Aufbahrung würdevoll von ihnen verabschieden können. Genau das leisten Helmus und sein ebenfalls entsprechend ausgebildeter Sohn Tristan an diesem Tag bei einem jungen Mann, der sich von einer 100 Meter hohen Brücke in den Tod gestürzt hat. Wenn Helmus, mit schwarzem Kittel, Einweghandschuhen und Mundschutz die vor ihm auf einer Stahlbahre liegenden Verstorbenen versorgt, mutet er wie ein Arzt am Operationstisch an. 

„Man darf solche Situationen nicht zu nah an sich heranlassen, sondern muss sich in diesem Moment ganz auf das Handwerkliche konzentrieren“, antwortet Helmus auf die Frage, wie er mit solchen belastenden Augenblicken seines Arbeitsalltages umgeht. „Wenn man seine Arbeit getan hat, muss man sie hier im Bestattungshaus lassen und die Türe abschließen“, sagt er. Obwohl auch seine Frau Mirjam und die beiden erwachsenen Söhne Tristan und Leander im Familienbetrieb mitarbeiten, der seit gut 20 Jahren keine Möbel mehr, sondern nur noch Bestattungsdienstleistungen anbietet, sind Arbeitsgespräche nach Feierabend Tabu. Doch diese Regel lässt sich nicht immer durchhalten. Denn wenn nicht einer seiner zwölf Mitarbeiter, sondern er selbst Bereitschaftsdienst hat, ist das Handy immer griffbereit. Denn der Tod kennt keinen Acht-Stunden-Tag. Kunden, die die Dienste der Bestatter-Familie Helmus-Fohrmann in Anspruch nehmen müssen, rufen zu jeder Tages- und Nachtzeit oder auch sonntags an, wenn die Familie vielleicht gerade frühstückt oder bei einem Spaziergang unterwegs ist.

„Dann muss man sofort umschalten und nicht nur sein Fachwissen, sondern auch sein Einfühlungsvermögen mit einbringen. Denn die Menschen, die zu uns kommen, sind in der Regel in einer seelischen Ausnahmesituation“, schildert der Bestattermeister, der seinen Beruf „meine Berufung“ nennt, die entscheidende Herausforderung seines Alltags. Gibt es Erfolgserlebnisse im Berufsleben eines Bestatters? „Ja, wenn ich spüre, dass ich Hinterbliebenen ein Stück Halt und Trost geben kann, indem ich ihnen beistehe und dafür sorge, dass sie ihre Trauer besser bewältigen können. So können sie sich von ihrem Angehörigen würdig verabschieden und ihn so in einer guten Erinnerung behalten“, sagt Helmus. Nach einer Mitarbeiterbesprechung, die ein wenig wie ein Familienfrühstück anmutet, weil nicht nur über Dienstliches, sondern auch über Privates gesprochen wird und werden darf, fährt er zum Urnenfriedhof des Familienunternehmens, um mit seinem Mitarbeiter Marc Burian eine Urnenbestattung vorzubereiten. Etwa 75 Prozent seiner Kunden wählen heute diese vergleichsweise preiswerte und pflegefreie Bestattungsform. Das Kolumbarium an der Augustastraße wirkt mit seinen holzvertäfelten oder verglasten Urnenstellplätzen fast wie ein Wohnzimmer. Vor den Grabfächern findet man nicht nur Blumen, sondern auch kleine Engel oder LED-Kerzen. Echte Wachskerzen sind aufgrund der Brandgefahr im überdachten und für Angehörige (per Zahlencode) rund um die Uhr zugänglichen Kolumbarium nicht erlaubt. Besonders lebendig wirken die verglasten Urnengrabstellen, die den Blick auf die Urne mit den sterblichen Überresten und auf ein Foto des Verstorbenen freigeben. Helmus öffnet die sonst verschlossene Wand, um die Urne mit der Asche des Verstorbenen in das für sie vorgesehene Grabfach heben zu können und die Urnengrabstelle danach wieder zu verschließen. Er beendet die kurze Beisetzungsfeier, in dem er einen irischen Toten-Segen vorliest. Anschließend inspiziert er mit einem Handwerker die gerade eingesetzten Glastüren des Erweiterungsbaus und zeigt die Stellen auf, wo noch nachzuarbeiten ist. Danach baut Helmus mit im Gartenhof des Kolumbariums Sitzgarnituren und einen Zelt-Pavillon auf, für den „Tag der offenen Tür“. Und dann geht es zurück an den Schreibtisch.

„Von der Wiege bis zur Bahre. Formulare, Formulare“, meint Helmus mit einem Augenzwinkern, während er mal telefoniert und dann per Hand wieder seine Unterlagen bearbeitet. Jeder Verstorbene, den Helmus und seine Mitarbeiter auf dem letzten Weg begleiten, bekommt eine Akte, die auch nach der Beisetzung (zehn Jahre lang) im Bestattungshaus aufbewahrt werden muss. Nicht nur Aufträge und Rechnungen, sondern auch Anschreiben an Versicherungen und Ämter, standesamtliche Beurkundungen, Willensbekundungen, Meldebescheinigungen, Sterbefallanzeigen und Totenscheine gehören zum Papierberg, den Bestatter täglich zu bewältigen haben, damit auch nach dem Tod alles seine Ordnung hat und Verstorbene auch aus den Registern der Rentenversicherung, der Krankenkasse oder des Einwohnermeldeamtes zeitnah entfernt werden. „Für die Abwicklung einer Bestattung, in die wir 20 bis 30 Arbeitsstunden investieren müssen, haben wir maximal acht Tage Zeit. Das bedeutet, wir stehen immer unter Zeitdruck, müssen aber unseren Kunden zeigen, dass wir für Sie alle Zeit der Welt haben“, beschreibt Helmus seinen beruflichen Spagat zwischen Effizienz und Einfühlungsvermögen. Auch an diesem Tag lässt er seine Papiere liegen, als erst ein Kunde kommt, mit dem er in der Sarg- und Urnen-Ausstellung des Bestattungshauses das passende Erdmöbel für eine Beerdigung aussucht und anschließend zu einer Mutter fährt, deren Sohn an diesem Tag im Krankenhaus gestorben ist. Zeit für Gespräche „Ein solches Gespräch kann 15 Minuten, aber auch drei Stunden dauern“, sagt Helmus. Der Bestatter weiß aber auch, „dass das Leben jeden Tag gelebt werden muss, weil jeder Tag der Letzte sein kann.“ Und deshalb gönnt er sich jenseits seiner anspruchsvollen Arbeit auch erholsame Spaziergänge, Urlaubsreisen, Segeltörns, Ausritte oder Kino- und Restaurant-Besuche. Am liebsten im Kreise seiner Lieben.

Dieser Text erschien am 12. November 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung



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