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Rückblick: Einigkeit im Angesicht der Not - Amt 4. November 1946 konstituierte sich der erste frei gewählte Mülheimer Stadtrat der Nachkriegszeit



Derzeit muss man sich im Rathaus den Kopf darüber zerbrechen, wie man angesichts einer äußerst angespannten Haushaltslage einen aus Düsseldorf gesteuerten Nothaushalt und ein damit verbundenes Streichkonzert bei den freiwilligen Leistungen der Stadt verhindern kann.

Kämmerer und Stadtverordnete sind um ihre Aufgabe nicht zu beneiden. Doch ihre 39 Vorgänger, die am 4. November 1946 den ersten frei gewählten Stadtrat der Nachkriegszeit konstituierten, mussten ungleich schwerere Aufgaben bewältigen. Damals standen der Wiederaufbau der zerstörten Stadt und die Überwindung von Hunger und Kälte auf der Tagesordnung. „Bisher 58 000 Kubikmeter Schutt besteitigt", liest man am 6. November 1946 in der Mülheimer NRZ. Und am 9. November: „Soforthilfe soll Ermährungskrise überwinden – Mehltransporte für die britische Zone verlassen die USA."

Im Angesicht dieser erdrückenden Nachkriegsnot treten die Stadtverordneten am Nachmittag des 4. November in der Aula des heutigen Otto-Pankok-Gymnasiums an der Von-Bock-Straße zu ihrer ersten Sitzung zusammen. Den Tagungsort wählt man nicht nur, weil der eigentliche Ratssaal noch in Trümmern liegt, sondern weil möglichst viele Bürger die Sitzung miterleben sollen.

Auch Mitarbeiter der Stadtverwaltung sowie Vetreter der britischen Militärregierung und des in Mülheim humanitär engagierten Schwedischen Roten Kreuzes sind dabei. Oberstleutnant Kennedy, der Chef der Mülheimer Militärregierung, die die Stadtverordneten bis zur ersten Kommunalwahl am 13. Oktober 1946 ernannt hatte, betont in einer kurzen Ansprache, dass die Mitglieder des Stadtparlamentes jetzt bereits die Hälfte aller kommunalen Angelegenheiten eigenständig regeln könnten.

Leichter gesagt als getan. Oberbürgermeister Wilhelm Diederichs sagt in seiner Ansprache: „Wir stehen vor einem sehr schweren Winter mit weittragenden Folgen für unsere Stadt. Tausende Frauen, Kinder und Männer besitzen noch nicht einmal das Notdürftigste für ein menschenwürdiges Dasein. Wir könnten mutlos werden angesichts dieser Not und der Verantwortung, die auf uns lastet, wenn wir nicht aus innerster Verpflichtung heraus handeln würden."

Ebenso wie Christdemokrat Diederichs beschwört SPD-Fraktionschef Heinrich Thöne angesichts der Not, alles Trennende zurückzustellen und gemeinsam an die Arbeit zu gehen. Was zu tun ist, formuliert Thöne damals unter anderem so: „Ernährung, Kleidung, Heizung, Wohnung und viele andere Probleme müssen angefasst werden. Seit 18 Monaten gilt der Krieg als beendet. Aber die Not wächst von Tag zu Tag. Es wird höchste Zeit, dass andere Formen der Wiederaufrichtung der deutschen Wirtschaft und des deutschen Volkes gefunden werden."

Tatsächlich beweisen die Stadtverordneten im Angesicht der Not bei der ersten Sitzung Einigkeit. Sowohl Oberbürgermeister Diederichs (CDU) als auch Bürgermeister Hermann Gröschner (SPD) werden fast einstimmig in ihr Amt gewählt. Nur der Stadtverordnete der KPD stimmt mit Nein. 

Dieser Text erschien am 4. November 2008 in der Neuen Ruhr Zeitung





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