Direkt zum Hauptbereich

Die treue Seele: Inge Kurtz

Inge Kurtz
In diesen Tagen sieht man Inge Kurtz immer wieder im Forum. Etliche Stunden verbringt sie im Einkaufszentrum. Nicht das sie an akutem Kaufzwang leiden würde. Sie kauft nicht. Die 72-Jährige verkauft. Lose für die Rosenmontagstombola. Für einen Euro ist man dabei. Und der Hauptpreis, ein Fahrrad, ist noch im Rennen. „Was soll ich denn zu Hause auf dem Sofa sitzen. Da tue ich doch lieber etwas sinnvolles und unterstütze den Rosenmontagszug“, sagt die Witwe und Mutter von zwei erwachsenen Söhnen.

Ihr älterer Sohn Guido ist Schuld daran, dass sie vor 40 Jahren beim Mülheimer Karnevalsverein MKV landete. „Wir sind zwar nur ein kleiner Verein mit etwa 45 Mitgliedern. Aber gerade diese Überschaubarkeit unserer Gesellschaft macht ihren familiären Charakter aus“, betont Kurtz.

Eberhard Geiger, Vater des heutigen MKV-Präsidenten Michael Geiger, holte die Familie Kurtz 1976 in den gerade erst vier Jahre zuvor aus der Taufe gehobenen Karnevalsverein mit den Signalfarben Orange und Blau. Laut Farbpsychologie steht die Farbe blau für Klarheit und Sehnsucht, die Farbe Orange für Lust, Freude und Optimismus.

„Der Karneval bringt Farbe und Abwechslung in unser Leben“, findet Inge Kurtz.

Sie sah es gerne, dass ihre beiden Söhne Guido und Heiko bei den Schlossbläsern des MKV und später bei den Ruhr-River-Trumpets mitspielten. Auch ihr vor dreieinhalb Jahren verstorbener Ehemann Günter ließ sich nur zu gern beim Wagenbau einspannen. „In der Session waren wir oft mehr bei Proben, Veranstaltungen oder beim Wagenbau, als zu Hause“, erinnert sich Kurtz.

Dass ein Karnevalsverein, wie eine Familie funktionieren und Menschen auch in schwierigen Zeiten auffangen kann, erlebte Inge Kurtz auch, als ihr Mann Günter vor dreieinhalb Jahren starb.

Die menschlichen Bindungen, die über 40 Jahre entstanden sind, lassen sie auch heute dem MKV die Treue halten, auch wenn der Verein derzeit nur eine Tanzgarde, aber keine Wagenbauabteilung und auch keine Musikgruppe mehr hat.

Nicht nur für den Rosenmontagszug, sondern auch für ihre Gesellschaft verkauft Inge Kurtz Tombolalose oder wirbt um Anzeigen für das Sessionsheft des MKVs. Das kann die Frau, die ihren Lebensunterhalt als Reinigungskraft bei der Stadtverwaltung verdient hat, sehr gut. Denn sie hat eine unaufdringliche Freundlichkeit, die sympathisch rüber kommt.

„Ich finde es spannend, mitzuerleben, wie sich Menschen entwickeln“, sagt Kurtz mit Blick auf ihre langjährige Vereinsmitgliedschaft. Gerade in schweren Zeiten, so glaubt sie, brauchen wir als Gesellschaft den Karneval, weil er Menschen zusammenbringt und ihnen Freude schenkt, und sei es auch nur für die wenigen Stunden einer Karnevalssitzung oder eines Rosenmontagszuges.

Allerdings gibt sich Kurtz angesichts von Investitionen jenseits der 3000-Euro-Grenze keinen Illusionen darüber hin, „dass es für kleinere Gesellschaften, wie die unsere immer schwieriger wird, kostendeckend eine eigene Karnevalssitzung auf die Beine zu stellen.“

Nicht nur, dass es kleinere Gesellschaften schwerer haben, Sponsoren zu finden: „Auch das Geld sitzt bei den meisten Menschen heute nicht mehr so locker, wie noch vor 40 Jahren“, weiß Kurtz. Und wie wäre es, sich mit einer anderen kleinen Gesellschaft zusammen zu tun, um größer und stärker zu werden? Inge Kurtz winkt ab. „Wir haben in der Vergangenheit schon mit anderen Gesellschaften Veranstaltungen organisiert, aber leider schlechte Erfahrungen gemacht“, erzählt Kurtz. Entweder gab es Krach darüber, wie viel bestimmte Programmpunkte kosten dürften oder eigene Gardemädchen wurden von der jeweils anderen Gesellschaft abgeworben.

Keine schlechten Erfahrungen hat man mit den Freunden von der ebenfalls kleinen KG Knattsch Gek gemacht, die die Jecken vom MKV auf ihren Rosenmontagswagen mitfahren lässt und ihnen so den viel Zeit, Arbeit und Geld kostenden Wagenbau erspart.

Dieser Text erschien am 6. Februar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Am liebsten hört sie Radio: Margarete Sonnenschein feierte jetzt ihren 100. Geburtstag

"Wie alt bin ich jetzt? 100?!“ fragt Margarete Sonnenschein, während sie mit ihren Mitbewohnerinnen in der Villa Nestor bei Kaffee und Kuchen ihren dreistelligen Geburtstag feiert. 

Seit zehn Jahren lebt sie  in einer Wohngemeinschaft, die von den Pflegepartnern betreut wird. Weil sie aufgrund einer Makuladegeneration nicht mehr sehen kann, hört sie am liebsten Radio. Besonders bedauert sie es, dass ihr Lieblingsmoderator Jürgen Domian nicht mehr auf Sendung ist. Seine seelsorgerischen Gespräche mit Menschen in unterschiedlichsten und schwierigsten Lebenslagen hat die ehemalige Bibliothekarin und Buchhändlern immer besonders gerne gehört. Deshalb freut sich Sonnenschein darüber, dass ihr Pflegedienstleiterin Karin Eberlein und ihre Mitbewohnerinnen eine CD-Sammlung mit Domians besten Gesprächen geschenkt haben.

Schwere Zeiten kennt die Dame, die zweimal verheiratet war und vor 35 Jahren ihren einzigen Sohn begraben musste, nur zu gut.

Noch im Ersten Weltkrieg geboren, musste sie die…

Suchtfaktor Karneval

Sie ist die jüngste der 13 Mülheimer Karnevalsgesellschaften, die KG Aunes Ees. Zwölf Karnevalsfreunde aus der damals aufgelösten KG Düse formierten sich im Juli 2017 zur neuen KG Aunes Ees. „Aunes Ees ist mölmsch Platt und bedeutet anders als, weil wir anders sind als viele andere Karnevalsgesellschaften“, erklärt der Vorsitzende der neuen Gesellschaft Jörg Schwebig die Namenswahl.
Anders als die anderen mölmschen Gesellschaften, gibt es bei Aunes Ees neben einer Aktivengarde auch eine integrative Garde, in der Menschen mit und ohne Handicap ihren Spaß am Tanz gemeinsam auf die Bühne bringen. Dass es dazu kam, hat mit Schwebigs Bruder Frank und seiner Schwägerin Vivian zu tun, Sie sind Eltern einer behinderten Tochter, die in einer integrativen Tanzgarde einer Duisburger Gesellschaft aktiv war. Doch das Mädchen und seine Gardekolleginnen fühlten sich ihrer bisherigen Gesellschaft nicht mehr gut aufgehoben und wechselten deshalb 2017 geschlossen in die neue Mülheimer Karnevalsgesellsch…

Welche Chancen haben Förderschüler auf dem Arbeitsmarkt? Die gute Nachricht lautet: Zeugnisse und Noten sind eben nicht alles, wenn es um den Einstieg in den Beruf geht

„Alles wird gut.“ So steht es auf einer Holzskulptur, die der Geschäftsführer der Berufsbildungswerkstatt (BBWe), Thomas Aring, von Lehrgangsteilnehmern aus dem Berufsfeld Farbe und Raumgestaltung zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. Gilt das auch für Förderschüler, wenn sie ihren geschützten Lernraum verlassen und auf dem Arbeitsmarkt einen Ausbildungsplatz suchen? Aring schätzt, dass aktuell rund 20 Prozent seiner insgesamt 500 Lehrgangsteilnehmer von der Förderschule kommen. Sie alle konnten nach der Schule keinen Ausbildungsplatz bekommen und trainieren jetzt im Rahmen eines Berufsvorbereitsungsjahres oder eines Werkstattjahres für den ersten Ausbildungsmarkt.


„Viele, die zu uns kommen, erleben im ersten halben Jahr einen richtigen Entwicklungsschub und sind dann auch besonders motiviert“, berichtet Aring. Wie es im optimalen Fall laufen kann, zeigen die 17-jährige Katharina Schaefer und der 19-jährige Patrick Hoppe. Beide haben eine Mülheimer Förderschule für Lernbehinderte bes…