Dienstag, 13. Oktober 2009

Was wollen Männer lesen? Eindrücke vom Diözesantag der Katholischen Öffentlichen Bibliotheken


Speldorf. Der Blick ins Auditorium der Katholischen Akademie Die Wolfsburg spricht Bände. Dort sitzen fast ausschließlich Frauen. Wir sind beim 47. Diözesantag der Katholischen Öffentlichen Büchereien (KÖB). Dessen gut 80 Teilnehmerinnen fragen sich an diesem Tag mit Rolf Pitsch vom Borromäusverein: "Was wollen Männer?" Es geht ums Lesen. Und die Zahlen der Stiftung Lesen, die Pitsch parat hat, sprechen für sich. Danach lesen nur 15 Prozent aller Männer regelmäßig Sach- und Fachliteratur. Für nur 7 Prozent gehört die Lektüre von schöner Literatur zum Alltag.

Folgt man Pitsch und der Leseforschung, dann lesen Männer vor allem nutzenorientiert, etwa für den Beruf, während sich Frauen auch schon mal ein gutes Buch zur Unterhaltung und Entspannung gönnen. So lesen, laut Stiftung Lesen, 25 Prozent aller Frauen regelmäßig schöne Literatur, aber nur 17 Prozent nutzen ebenso regelmäßig Fach- und Sachliteratur.
Der Tenor der Diskussion ist eindeutig. Jungs und Männer kommen nur selten in eine KÖB. "Mit Zweit- und Drittklässlern müssen wir, wie im Kindergarten Bilderbücher lesen. Und viele ausländische Kinder verstehen nicht einmal die einfachsten deutschen Sätze", berichtet eine Bibliothekmitarbeiterin ihre Erfahrungen aus der Leseförderung in einer Grundschule.
Pitsch, der selbst 19 Jahre in einer Katholischen Bücherei in Bonn mitgearbeitet hat, bestätigt ihre Erfahrungen. "Gerade Jungs stehen in der Gefahr, zu Bildungsverlierern zu werden", sagt er und weist darauf hin, dass heute etwa ein Drittel aller Deutschen aus Haushalten kommt, in denen sie weder Mutter noch Vater lesend erlebt haben. Aber was tun, um nicht im Kulturpessimismus zu versinken?

Neue Männer brauchen die katholischen Büchereien aus Pitsch Sicht ebenso, wie mehr Anerkennung für KÖB-Mitarbeitende, mehr Geld für eine attraktivere Medienausstattung, die etwa mit Fachzeitschriften, aktueller Sachliteratur und Filmen verstärkt auch kleine und große Männer anspricht. "Die Bibliotheken sind heute weiblich", stellt Pitsch fest und beklagt das Fehlen männlicher Lesvorbilder und Ansprechpartner Nur zehn Prozent der bistumsweit 1200 und bundesweit 35.000 ehrenamtlichen KÖB-Mitarbeiter sind Männer. Sie müssen, laut Pitsch, öffentlich stärker in Erscheinung treten, sei es an der Ausleihtheke, im Pfarrbrief oder in Gottesdiensten. Außerdem müssen die KÖBs nach seiner Ansicht stärker aus sich herausgehen. Warum nicht mal einen literarischen Männerstammtisch in einer Gaststätte oder eine Lesenacht mit einem Fußballtrainer anbieten oder mit Bücher- und Medienkisten dort hin gehen, wo Jungs gerne und oft sind, zum Beispiel auf den Fußballplatz, in Jugendheime oder in der Unterrichtspause auf den Schulhof.


Dieser Text wurde auch von der katholischen Wochenzeitung RUHRWORT veröffentlicht. Weitere Informationen im Internet unter: http://www.ruhrwort.de/

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