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Für den sehbehinderten Paul Krämer ist jeder Tag ein Tag des Weißen Stocks, aber er meistert sein Leben mit Handicap


Heute ist der Tag des "Weißen Stocks". Ins Leben gerufen wurde er vor 45 Jahren vom damaligen US-Präsidenten Lyndon B. Johnson. Er wollte auf die Belange blinder und sehbehinderter Menschen aufmerksam machen. Für den 70-jährigen Paul Krämer aus Broich ist jeder Tag ein Tag des "Weißen Stocks".

Mit Anfang 50 machte sich bei dem Ingenieur eine Makuladegeneration bemerkbar. "Wenn ich nachts mit dem Auto fuhr, was ich früher eigentlich immer gerne gemacht habe, sah ich plötzlich Blitze", erinnerte er sich an die ersten Symptome der Erkramkung. Bis dahin war er nie regelmäßig zum Augenarzt gegangen. Das war ein Fehler, wie er heute weiß.
Auch Medikamente und regelmäßige Operationen konnten den kontinuierlichen Verlust seiner Sehkraft nur verzögern, aber nicht stoppen. 20 Jahre nach dem Ausbruch der Krankheit, bei der Sehnerven absterben, ist ihm noch eine Sehkraft von zwei bis vier Prozent geblieben. "Das hängt auch von meiner Tagesform ab", sagt Krämer.
Wer ihn zu Hause besucht, bemerkt seine Sehbehinderung nicht auf den ersten Blick. Zielsicher nimmt er ein Glas aus dem Küchenschrank, um dem Gast einzuschenken. "Hier hat alles seinen Platz", erklärt Krämer seine wichtigeste Regel, mit der er in den eigenen vier Wänden seinen Alltag regelt. Offen stehende Schranktüren oder ungeplant im Raum herumstehende Dinge sind ihm ein Graus, weil eine potenzielle Gefahr.

"Draußen wird es natürlich schwieriger", weiß Krämer. Denn da lauern zum Beispiel zugeparkte und zugestellte Gehwege oder abgesenkte Bordsteine, die es Krämer mit seinem weißen Stock schwer machen, die Grenze zwischen Gehweg und Fahrbahn zu ertasten. Deshalb ist der Sehbehinderte, für den Fernsehen nur ein Radio mit anderen Mitteln ist, froh, wenn ihn seine Frau Heike als sein Auge begleitet oder im Auto chauffiert.
"Den Fußweg von Broich in die Stadtmitte habe ich noch im Kopf. Nur die neuen Geschäfte kenne ich natürlich nicht", beschreibt Krämer sein inneres Auge, das aus der Vergangenheit lebt, als er noch gut sehen konnte.

Manchmal fährt er auch mit Bus und Bahn. "Dann frage ich mich einfach durch und bekomme eigentlich immer eine vernünftige Antwort." Krämer hadert nicht mit seinem Schicksal. "Anderen geht es noch viel schlechter", sagt er und führt dem Besucher seine technischen Alltagsassistenten vor, die ihm ein Höchstmaß an Selbstständigkeit gewähren und sein Informationsfenster zur Welt der Sehenden sind.
"Der Computer ist schon eine schöne Sache für uns Blinde und Sehbehinderte", findet Krämer. Tatsächlich. Sein PC kann sich nicht nur sehen, sondern auch hören lassen. Eine Spezialsoftware sorgt dafür, dass ihm alle Texte, die er selbst schreibt oder zum Beispiel im Internet liest, von einer elektronischen Stimme vorgelesen werden. Ähnlich funktioniert auch sein sprechendes Handy. Die Zeitung liest der Presse- und Öffentlichkeitsarbeiter des Blinden- und Sehbehindertenvereins mit einem Bildschirmlesegerät. Außerdem hat er die Hörzeitung Echo Mülheim abonniert, die ihren Hörern die Lokalpresse vorliest.
Bücher findet man in Krämers Wohnung nur wenige. Die sind für ihn Zeugen einer Vergangenheit, in der er gerne las. Heute liest er keine Bücher mehr. Er hört sie. Entweder leiht er Hörbuch-CDs in der Stadtbücherei aus oder er bestellt sie kostenfrei per Post bei der Westdeutschen Blinden- und Hörbücherei.
Trotzdem macht Krämer keinen Hehl daraus, dass er die Lektüre gedruckter Bücher ebenso vermisst wie das Fahren seines Autos, das er Anfang der 90er Jahre abgeben musste. Das Letzte, was er als Normalsichtiger schwarz auf weiß las, waren die Romane Emil Zolas.

Wenn man wie Krämer damit leben muss, immer weniger zu sehen, lernt man, Abschied nehmen und neu anfangen. Nicht nur von seinem Auto, sondern auch von seinem Arbeitsplatz musste er sich krankheitsbedingt und vor der Zeit verabschieden. "Ich habe gerne als Ingenieur bei Siemens gearbeitet. Ich hatte einen interessanten Beruf und wir hatten ein gutes Betriebsklima", erinnert er sich.
Was ihm über die schmerzlichen Verluste hinweg half, waren seine sozialen Netzwerke: Familie, ehemalige Kollegen oder seine aktive Mitarbeit beim Blinden- und Sehbehindertenverein sowie bei den Mülheimer Kanu- und Skifreunden.

Weitere Informationen zum Blinden- und Sehbehindertenverein Mülheim, der am letzten Mittwoch des Monats um 16 Uhr zum Stammtisch ins Hotel Handelshof und am ersten Donnerstag des Monats, jeweils von 10 bis 14 Uhr, zu einer Beratungssprechstunde in die Geschäftsstelle der Grünen an der Bahnstraße 50 einlädt, finden Sie im Internet unter http://www.bsv-muelheim.de/

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