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Jüngster im Rat mischt politisch mit: Viel Arbeit, wenig Freizeit und einige neue Erfahrungen: So bilanziert Jan Vogelsang (20) sein erstes Jahr im Mülheimer Stadtrat

Jan Vogelsang
Jan Vogelsang sitzt fast jeden Tag vor seinem Computer und schaut ins Internet. Das ist für einen 20-Jährigen keine Seltenheit. Seltenheitswert hat es aber dann, wenn er im städtischen Archiv die Ratsvorlagen studiert. Dass dieser nicht immer leicht verdauliche Lesestoff sein tägliches Brot ist, hat damit zu tun, dass der Jurastudent Mülheims jüngster Stadtverordnete ist.

Als junger Sozialdemokrat rückte er im September 2015 für seinen Parteifreund und damals neu gewählten Oberbürgermeister Ulrich Scholten ins Stadtparlament nach. Wie hat sich sein Leben im ersten Ratsjahr 2016 verändert? „Ich habe wenig Freizeit und versuche mit maximal sieben Stunden Schlaf auszukommen“, sagt Vogelsang. Sein Leben zwischen Universität, Stadtrat, Parteigremien und einem der Studienfinanzierung geschuldeten Gelderwerb im Getränkemarkt, fordern ihren Zehn- bis Zwölf-Stunden-Tag.

Dennoch macht Vogelsang keinen gestressten, sondern einen in sich ruhenden Eindruck. „Ich bereue meinen Einzug in den Rat nicht, auch wenn er mich viel Zeit und Arbeit kostet, weil ich durch meine kommunalpolitische Mitarbeit sehr viele interessante Menschen und Institutionen meiner Stadt kennen lerne“, betont er.

Fraktionssitzungen, Ausschusssitzungen, Teilnahme an parteiinternen Themenforen, Präsenz an öffentlichen Infoständen sowie Teilnahme an Ortsvereins- und Unterbezirkssitzungen und nicht zu vergessen die regelmäßige Rückkopplung mit dem SPD-Nachwuchs der Jusos, bei denen Vogelsang schon vor seinem Einzug in den Rat aktiv war, zeigen dem parlamentarischen Novizen, „dass Kommunalpolitik viel Zeit und Ausdauer braucht“.

Doch das oft schwerfällige und langwierige Prozedere der Demokratie nervt den angehenden Juristen nicht so sehr, „wie die Tatsache, dass sich, wie zuletzt bei der Verabschiedung des Haushaltes, bestimmte Fraktionen, sich wider besseren Wissens nicht an die Absprachen halten, auf die man sich vorher nach langen Beratungen und auf einer gemeinsam festgestellten Faktenlage geeinigt hat.“

Doch Vogelsang schaut auch auf Erfolgserlebnisse in seinem ersten Ratsjahr zurück. Als solche sieht er, „dass ich mit entsprechender Überzeugungsarbeit daran mitarbeiten konnte, dass der Jugendstadtrat nun in allen Ratausschüssen beratend mit dabei ist und dass die Stadt die für das in seiner Existenz bedrohte und aus allen Nähten platzende Frauenhaus notwendigen Geldmittel bereitgestellt hat. Um dessen Arbeit zu unterstützen, trat er in den Förderverein ein.

Weil sich der Student schon als Schüler für Politik, Wirtschaft und Finanzen interessierte, lag es nahe, sich für eine Mitarbeit in den Ausschüssen für Finanzen, Wirtschaft, Bildung und Sport zu entscheiden.

Eine wichtige Erfahrung sei es, „von der Lebenserfahrung älterer Kollegen profitieren zu können und gleichzeitig als junger Kopf mit frischen Ideen ernst genommen und wertgeschätzt zu werden.“

Als derzeit wichtigste politische Aufgabe, sieht es Vogelsang „die finanzpolitische Fähigkeit der Stadt auch mit Hilfe des NRW-Stärkungspaktes zu sichern und langfristig durch konsequente Haushaltskonsolidierung wieder auszubauen.“ Daran müssten vor allem die jungen Mülheimer mehr interessiert sein als etwa am Nachtleben, „weil sie noch etliche Jahrzehnte in dieser Stadt leben und arbeiten müssen.

Wenn sich der Holthausener SPD-Stadtverordnete etwas für das neue Jahr wünschen dürfte, dann vor allem „eine bessere Verkehrsführung an der Oppspring-Kreuzung, dass die Stadt ihr wirtschaftliches Potenzial für neue Arbeitsplätze ausschöpft und „dass wir als Ratsmitglieder den Bürgern die Kommunalpolitik besser erklären können“.


Dieser Text erschien am 9. Januar 2017 in NRZ/WAZ

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