Montag, 16. Januar 2017

Eckhard Schwarz: Der Handwerker Gottes

„Eigentlich bräuchten wir heute mal wieder eine Reformation“, sagt der Eckhard Schwarz, Küster der Speldorfer Lutherkirche. Luthers Kampf gegen den Ablasshandel der katholischen Kirche anno 1517 ist für den Vater von zwei erwachsenen Töchtern auch heute noch aktuell. „Denn Luther hat damals klar gemacht, dass der Wert eines Menschen nicht von seinem Geldbeutel abhängig ist.“

Doch ganz ohne Geld geht es in diesem irdischen Leben eben auch nicht. So musste vor einigen Jahren der gelernte Elektroinstallateur nach einem neuen Arbeitsplatz suchen, nachdem er feststellen musste, dass er den Wechselschichtdienst in einem Werk, in dem er an der Herstellung von Elektroplatinen beteiligt war, gesundheitlich nicht mehr verkraftete. Einer Zeitungsanzeige sei Dank, fand er eine neue Stelle als Küster der Lutherkirche. Das war 2004. „Ich war Mitglied der evangelischen Kirche und habe mit meinen Töchtern alle christlichen Feste gefeiert. Aber ich war kein besonders frommer Kirchgänger“, erzählt Schwarz.

Doch durch seinen neuen Arbeitsplatz ist er schon von berufs wegen zum Kirchgänger geworden. Was mache ich Heiligabend und Silvester? Und wo gehe ich sonntags hin? Für Schwarz ist das keine Frage, natürlich in die Lutherkirche.

„Wenn man am Wochenende nicht bis in die Puppen feiern kann, kostet das auch schon mal die eine oder andere Freundschaft“, erzählt der Küster. Doch Schwarz hat durch seinen ganz handfesten und bodenständigen Job im Dienste des Herrn auch neue Freunde gewonnen. Zu seinen Aufgaben zählen Kirchenbänke, Tische und Stühle leimen, Kerzen besorgen und austauschen, defekte Heizungsventile reparieren, Bierzelt-Garnituren fürs Gemeindefest aufstellen, das Gemeindehaus aufschließen, fürs Kirchencafé und den Frühstückstreff einkaufen und eindecken oder dafür sorgen, dass die Mikrofonanlage und der Videobeamer bei der nächsten Veranstaltung im Gemeindehaus funktionieren.

Gerne stellt er zum Beispiel vor Weihnachten mit einigen Presbytern den sieben Meter hohen Christbaum in der Lutherkirche auf. „Das ist immer auch eine gesellige Angelegenheit, bei der wir auch das eine oder andere Glas Glühwein trinken“, erzählt Eckhard Schwarz.

„Mein heutiger Beruf hat mich offener und sensibeler gemacht“, sagt der 54-Jährige. Wenn er in der offenen Kirche an der Duisburger Straße zu tun hat, neue Kerzen aufstellt, die Licht- und Tontechnik wartet, Gesangbücher auslegt oder den Altar- und Kanzel-Schmuck erneuert, kommen auch schon mal Menschen in das 135 Jahre alte Gotteshaus, um mit ihm über ihr Leben zu sprechen und das, was sie beschwert. Natürlich verweist er dann auch immer an die Pfarrer der Gemeinde. „Ach, Sie sind doch der Küster“, hört er dann und hört erstmal zu. Das gilt natürlich auch für Menschen, die in die Kirche kommen, weil sie dort heiraten oder einen Trauergottesdienst abhalten möchten.

In Gesprächen mit Menschen außerhalb der Kirche merkt er immer wieder: „Für viele Leute ist die Religion heute bestenfalls zur Nebensache geworden.“ Wenn etwa in Kneipengesprächen schon mal die Sprache auf seinen Beruf kommt, hört er auch Sätze, wie: „Was? Du arbeitest für die Himmelskomiker?“

Er selbst hat die Kirche durch seinen Beruf anders und eben von innen kennen gelernt. Als er seinen Dienst antrat, setzte er sich auch intensiv mit der Bibel und der kirchlichen Liturgie auseinander. „Manchmal weiß ich auch nicht, was unsere Pfarrer noch tun sollen. Sie sind schon sehr modern, kümmern sich auch persönlich um Menschen und gehen zum Beispiel auch in unterschiedlichen Themengottesdienste auf ihre Anliegen und Lebenslagen ein“, sagt Schwarz.

Ob Seniorenmittagstisch, Adventsfeier, Spielenachmittag oder Kinoabend - wenn Schwarz mit Menschen ins Gespräch kommt, die ins Gemeindehaus an der Duisburger Straße kommen, das er vom Keller bis zum Dach in Schuss halten muss, merkt er immer wieder, dass Kirche für sie eine Oase der Gemeinschaft und der Sinnerfahrung ist.

Wenn der Küster nicht gerade in der Kirche oder im Gemeindehaus zu tun hat, gibt es für ihn vielleicht etwas im Gemeindekindergarten oder im Jugendhaus der Gemeinde zu reparieren oder er holt beim Kirchenamt im Altenhof die Gemeindepost ab und vergisst nicht die letzte Sonntagskollekte ordnungsgemäß bei der Bank einzuzahlen.

„Meine Arbeit ist sehr vielseitig. Ich kann relativ selbstständig arbeiten. Und ich komme mit vielen Menschen zusammen“, sagt der Küster während er die Grünflächen an der Lutherkirche auf Vordermann - und anschließen einen losen Pflasterstein auf dem Vorplatz der Kirche in Reih und Glied bringt. Und wenn man den Küster mal länger nicht im Umfeld der Lutherkirche sieht, dann ist er vielleicht mit seiner Partnerin in Urlaub, etwa auf Lanzarote oder zuletzt in St. Petersburg.


Dieser Text erschien am 14. Januar 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

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