Samstag, 17. September 2016

So gesehen: Das rasende Kind im Manne

Dass ich zuweilen überholt werde, überrascht mich nicht. Denn ich gehöre nicht zur Fraktion der Raser. Angesichts so mancher bedauerlicher Straßenzustände in unserer Stadt, tut man als Fußgänger ohnehin gut daran, die Entdeckung der Langsamkeit nicht nur als literarische Tugend zu üben. Der lesenswerte Sten Nadolny lässt grüßen.

Doch überrascht war ich jetzt schon, als ich auf der Schloßstraße von einem Mann mit Roller überholt wurde. Denn es war kein kleiner Mann, bei dem man ein solches Gefährt erwarten würde, sondern ein ausgewachsener Geschlechtsgenosse, der es offensichtlich eilig hatte. Umso erstaunlicher war es, dass seine Wahl auf ein Fortbewegungsmittel gefallen war, das offensichtlich drei Nummern zu klein für ihn war.

Aber ein Mann muss eben tun, was ein Mann tun muss, um im Leben voranzukommen und sei es auf einem zu kleinen Roller. Da hilft es auch nichts, wenn der kleine Sohnemann sich zuhause die Augen ausweint, weil er sich fragt, wie er ohne seinen Roller zum Spielplatz kommen soll.

Väter können ja so gemein sein. Aber sie werden argumentieren, dass ihr Weg zum Arbeitsplatz wichtiger sei, als  der ihres Nachwuchses zum Spielplatz. Auch wenn vorzugsweise weibliche Spötter vielleicht anmerken werden, dass für so manchen Mann sein Arbeitsplatz auch etwas von einem Spielplatz haben mag. „Ich bin der Anführer der Bande und habe das größte Förmchen.“ Das passt im Sandkasten des Lebens immer. Und jetzt weiß ich auch, weshalb mich der große Mann mit Aktenrucksack auf einem für ihn zu kleinen Roller überholt hat. Wenn das Kind im Manne wach wird, verleiht ihm das im Geiste Flügel. Da stört es Mann auch nicht, dass er in Wirklichkeit nur im Schritttempo vorankommt.

Dieser Text erschien am 30. Juli 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

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