Freitag, 23. September 2016

Zum Auftakt der interkulturellen Woche machte der Politikwissenschaftler Aladin El-Mafaalani. deutlich; Integration bedeutet Veränderung für alle

Der Politikwissenschaftler Aladin El Mafaalani
 bei seinem Vortrag im Haus der Stadtgeschichte.
Kurzweilig und anregend. Besser hätte der Auftakt zur Interkulturellen Woche nicht gelingen können, als durch das Impulsreferat des Politikwissenschaftlers und Migrationsforschers Aladin El-Mafaalani. 1978 als Sohn syrischer Eltern im Kreis Recklinghausen geboren, lehrt und forscht er heute an der Fachhochschule Münster.

Mit seiner Biografie repräsentiert er die zweite Generation der Zuwandererfamilien, die er selbst so beschreibt. „Anders, als ihren Eltern, reicht es ihr nicht mehr nur akzeptiert und toleriert zu werden. Sie will ein Stück vom Kuchen abhaben und die dritte Generation will dann auch mitentscheiden, welcher Kuchen auf den Tisch kommt.“
Erst in der vierten Generation, so das Ergebnis seiner Forschung, sei der persönliche Zuwanderungshintergrund kein problematisches Thema mehr.

Das Professoren, Journalisten, Lehrer und Ärzte mit Zuwanderungshintergrund in der deutschen Gesellschaft immer selbstverständlicher geworden sind, führte El-Mafaalani, als Beweis dafür an, „dass die Integrationsbemühungen der letzten 20 Jahre Früchte tragen.“

Dass dennoch viele beim Thema Zuwanderung meinen, dass alles schwieriger und schlechter geworden sei, führt der Migrationsforscher darauf zurück, „dass die Erwartungen der Zuwanderer schneller stiegen als die tatsächlich erreichten Integrationsfortschritte.“ Außerdem rufe die erfolgreiche Integration und der soziale Aufstieg vieler Zuwanderer vor allem bei sozial und beruflich weniger etablierten Bürgern der Ursprungsgesellschaft soziale Abstiegs- und Deklassierungsängste hervor. Besonders weit verbreitet sieht El-Mafaalani diese sozialen Abstiegsängste in der Gruppe der weißen, heterosexuellen Männer. Denn anders, als zum Beispiel Zuwanderer, Frauen oder Homosexuelle falle diese Gruppe durch alle speziellen Förderraster.

Dass Kontroversen um die gerechte Verteilung sozialer und beruflicher Lebenschancen schärfer werden, ist für El-Mafaalani, nur ein Beleg dafür, dass immer mehr Zuwanderer in der deutschen Ursprungsgesellschaft, die immer schon durch Zuwanderung und Integration verändert worden sei, angekommen sind.

Dass Zuwanderung und Zuwanderer eine Gesellschaft nicht nur verändern, sondern, wie die Integrationsratsvorsitzende Emine Arslan, betonte „auch bereichern“, machte der Gastreferent daran deutlich, das neun der zehn wirtschaftlich stärksten Staaten der Welt Einwanderungsländer seien. Auch die reichsten deutschen Städte München, Stuttgart und Frankfurt am Main hätten mit 30 bis 40 Prozent einen überdurchschnittlich hohen Ausländer- und Migrantenanteil. In Mülheim liegt er aktuell bei 21,6 Prozent.

Als vorbildlich empfiehlt El-Mafaalani die im kanadischen Bildungssystem praktizierte Integration, die Zuwanderer ab dem ersten Tag im Land als Kanadier anspreche und begreife, ohne die individuelle Herkunft zu verleugnen. Den obersten kanadischen Verfassungsgrundsatz „Einheit und Vielfalt“ sieht der Politikwissenschaftler auch für Deutschland als wegweisend.
Die Idee einer deutschen Leitkultur, der alle Bürger folgen, sieht er dagegen als illusorisch an. Nur das Grundgesetz und die deutsche Sprache können nach seiner Ansicht eine gemeinsame gesellschaftliche Grundlage darstellen. „Individualität und Vielfalt widersprechen dem Grundgesetz nicht, sondern werden ausdrücklich durch das Grundgesetz geschützt“, machte Aladin El-Mafaalani deutlich.

Dieser Text erschien am 21. September 2016 in der NRZ/WAZ

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