Mittwoch, 30. März 2016

Zusammenlegung der Pflegeausbildungen bleibt umstritten: Dialogoffensive Pflege legte die Schwachstellen der von der Bundesregierung geplanten Ausbildungsreform offen

NRW-Gesundheitsministerin
Barbara Steffens
„Wie kann man nur auf die Idee kommen, die Kinder,- Kranken und Altenpflege in einen Ausbildungsgang zu pressen, obwohl man ein Kind doch ganz anders betreuen und abholen muss, als einen alten und vielleicht auch demenziell veränderten Menschen, mit dem ich in seine Biografie zurückreisen muss“, kommentiert Altenpflegeschüler Sascha Kirberg die Pläne der Bundesregierung, eine einheitliche Pflegeausbildung zu schaffen.
Franz Müntefering ist heute
ehrenamtlicher Vorsitzender
der Bundesatbeitsgemeinschaft
der Seniorenorganisationen.

Rund 300 Pflegepraktiker und Betroffene, die sich auf Einladung der Dialogoffensive Pflege im Altenhof versammelt haben, applaudieren. „Wenn drei Ausbildungsberufe in eine Ausbildung gepresst werden, wird das zu mehr Oberflächligkeit und zu weniger Tiefenwissen führen, das junge Menschen brauchen, um in der Altenpflege bestehen zu können“, befürchtet die Leiterin des Altenpflegeseminars der Arbeiterwohlfahrt, Gabriele Tenbrink. Nicht nur Margarete Illigens von der Alzheimer Selbsthilfegruppe bestätigt ihre Prognose: „Viele unserer Mitglieder befürchten, dass sie künftig nicht mehr die qualifizierten Altenpfleger haben werden, die sie brauchen, wenn diese Ausbildungsreform Wirklichkeit würde.“

Unterstützt werden die Leute aus der Praxis auch von einer ganz großen Koalition aus dem ehemaligen SPD-Chef Franz Müntefering, der heute ehrenamtlich an der Spitze der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen steht, der NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens von den Grünen und vom langjährigen CDU-Sozialpolitiker Paul Heidrich. Sie plädieren für ein Moratorium des Gesetzgebungsprozesses, um die Risiken einer kompakten Einheitspflegeausbildung abklären zu können.

Ihre Befürchtung: Die geplante Ausbildungsreform könnte in der Praxis dazu führen, dass nicht mehr, sondern weniger Menschen in den Pflegeberuf ihrer ersten Wahl gehen und dass die Ausbildung durch eine nötige Nachqualifizierung unverhältnismäßig verlängert werden könnte. „Hier wird ohne Not gehandelt“, sagt Gesundheitsministerin Steffens. Sie kann darauf hinweisen, dass NRW mit der Einführung einer Altenpflege-Ausbildungsumlage die stationären und ambulanten Pflegedienstleister finanziell entlastet und die Zahl der Altenpflegeschüler in den letzten fünf Jahren von 9200 auf 17?5000 gesteigert hat. Sollten die Reformpläne der Bundesregierung Gesetz werden, würden nur noch 77 Prozent der Ausbildungskosten per Umlage finanziert, Dann, so glaubt Steffens, würden sich viele der ambulanten Pflegedienste wieder aus der Ausbildung zurückziehen.

„Und wir brauchen künftig noch mehr qualifizierte Altenpfleger. Denn die Zahl der Über-80-Jährigen wird bis 2040 deutschlandweit von 4,2 auf 11 Millionen ansteigen,“ unterstreicht Müntefering. Er vergleicht die Reformpläne für eine kompakte Einheits-Pflegeausbildung mit „einem Motorwechsel in voller Fahrt.“

Obwohl die Reformpläne derzeit im Bundestag und im Bundesrat eine breite Mehrheit haben, sieht er im Gegensatz zu Steffens dennoch eine Chance, durch Überzeugungsarbeit ein Umdenken der angesichts noch ungeklärter Detailfragen oft selbst noch zweifelnden Befürworter zu erreichen.

Angesichts bisher nicht vorhandener Ausführungsbestimmungen nannte der Leiter der Bildungsakademie für Gesundheits- und Sozialberufe, Bodo Keißner-Hesse die Berliner Reformpläne „eine Blackbox, mit der ohne Not bewährte Ausbildungsstrukturen zerschlagen und später nicht wieder aufgebaut werden“ könnten.


Dieser Text erschien am 18. Februar 2016 in der NRZ und in der WAZ

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