Samstag, 12. März 2016

An der Müll-Front: Wer zwischen 7 und 15 Uhr mit den beiden MEG-Müllmännern Tommy Maschollek und Benny Schmidt unterwegs ist, erlebt einen Knochenjob und viel Rücksichtslosigkeit im Straßenverkehr

Mit solch einem Fahrzeug sind
Tommy Marschollek und sein Kollege
Benny Schmidt an jedem
Werktag unterwegs.
Morgens um Sieben bei der Mülheimer Entsorgungsgesellschaft MEG. Im Büro des Disponenten Siegfried Fink herrscht bereits ein reges Kommen und Gehen. Ein letzter Blick auf seinen Computerbildschirm zeigt ihm, wer heute welche Tour fährt, wer da ist und wer sich krank gemeldet hat. Tommy Maschollek und sein Kollege Benny Schmidt sind zur Stelle. Sie werden heute mit ihrem zehn Meter langen und zweieinhalb Meter breiten Presswagen durch das Revier 8 fahren, um acht Altpapier-Container-Standorte und rund 300 Blaue Tonnen zu entleeren. Das Revier 8 umfasst etwa das gesamte Stadtgebiet, mit Ausnahme von Styrum und Speldorf. Diese Stadtteile stehen erst am folgenden Tag auf ihrem Fahrplan. Doch bevor es los geht, stärken sie sich mit einer Tasse Kaffee und steigen in ihre orange-blau-reflektierende Arbeitsmontur. Zu der gehören neben dicken Arbeitschuhen mit Stahlkappe und Stahlsohle auch Handschuhe mit rauer Oberfläche.

7.10 Uhr Tommy (bei der MEG ist man per Du) startet den Motor seines 15-Tonners. Sein Kollege Benny nimmt auf der Beifahrerseite Platz. Die Aufgaben sind klar verteilt. Tommy (55) ist der Fahrer und Benny (25) sein Lader. Doch schon beim ersten Containerstandort springt Tommy auch aus dem Wagen, um seinem Kollegen zu helfen, die 1100 Liter fassenden Altpapier-Roll-Container über den Bürgersteig zur Schüttung ihre blauen Presswagens zu bugsieren. Einen Knopfdruck später hängt der Container am Haken der Schüttung, die sich, wie von Geisterhand hebt und den Container nach vorne in die Tiefe des Laderaumes entleert. „Je nachdem, wie voll so ein Container ist, kann er schon mal 180 bis 220 Kilo schwer sein“, weiß Tomi. Die elektrische Schüttung schlägt den Container noch einmal nach vorn. „Papier rutscht eigentlich sehr leicht in den Laderaum. Da braucht man nur einen Schlag einzustellen“, erklärt Benny.

Schon beim nächsten Containerstandort bewähren sich die stahlverstärkten Arbeitsschuhe, als die Müllmänner über ein Scherbenmeer zum Altpapiercontainer stapfen müssen. „Hätte wir jetzt normale Straßenschuhe, wären die Sohlen schon durch“, stellt Tommy fest.

Eigentlich sollte die Bezeichnung Altpapier- und Altglascontainer eindeutig und von jedem zu verstehen sein. Doch offensichtlich entledigen sich einige Zeitgenossen vom Stamme Dreckspatz an den Containerstandorten gleich ihres halben Hausstandes. „Wir haben auch schon mal Bauschutt in den Altpapiercontainern“, berichtet Tommi.

Der gelernte Dachdecker, der nach einer Job-Flaute in seiner alten Branche vor 21 Jahren zur MEG kam, schüttelt immer wieder den Kopf: „Man kann kostenfrei den Sperrmüll bestellen und für weniger als 10 Euro bei der MEG an der Pilgerstraße in Dümpten Bau- und Schadstoffe entsorgen oder diese auch zum Schadstoffmobil bringen. Doch leider gibt es viele Typen, die denken: Hauptsache, ich habe meinen Mist weg und nach mir die Sintflut“, beschreibt Tommy die Situation.

In der Dunkelheit des frühen Januar-Morgens wird auch deutlich, warum die Männer von der MEG leuchtende Westen und Hosen tragen müssen. Obwohl ihr stehendes Pressfahrzeug mit seinen Rundumwarnleuchten auch in der Dunkelheit nicht zu übersehen ist, rauschen die Autos nur Zentimeter und manchmal sogar nur Millimeter an dem Koloss und den beiden Müllwerkern vorbei. Vorsicht, Rücksicht und Geduld scheinen bei den Herrschaften hinter dem PKW-Steuer unbekannt zu sein.

Auch später am Tag, als Benny und Tommy mit ihrem blauen Müllriesen die Containeranlagen hinter sich gelassen haben und zum Teil im Schritttempo von einer blauen Tonne zur nächsten fahren, erleben sie immer wieder ihr blaues Wunder. Weil Fahr- und Gehwege zugeparkt sind oder eilige Autofahrer partout nicht warten wollen und noch eben schnell auf dem Bürgersteig am blauen MEG-LKW vorbeirauschen, wird Fahrer Tommy immer wieder zu waghalsigen Manövern gezwungen. Trotz Servolenkung und einer dritten, mitsteuernden Achse, die den Wendekreis des Presswagens minimiert, muss Tommy immer wieder kräftig kurbeln und gleichzeitig in alle Außen,- Rück- und Seitenspiegel schauen, um Sach- und Personenschaden zu vermeiden.

Auch wenn Benny aussteigt oder hinten auf einem Trittbrett mit zwei Haltegriffen mitfährt, um möglichst schnell eine nach der nächsten Blauen Tonne auf den Haken zu nehmen und in die Tiefe des Laderaumes entleeren zu lassen, muss er immer wieder höllisch aufpassen, nicht von den Rasern auf vier und zwei Rädern mitgenommen zu werden. „Das ist für uns Alltag“, sagt Tommy mit einem leicht resignativen Unterton. „Viele Menschen stehen heute unter einem wahnsinnigen Zeitdruck. Sie sind oft hektisch und fühlen sich getrieben. Oft ist auch die Angst vor dem Job-Verlust mit im Spiel“, versucht sich Tommy in einer Erklärung der offensichtlich „normal“ gewordenen Unverschämtheiten und Rücksichtslosigkeiten im Straßenverkehr.

Doch Tommy muss nicht nur fahren. Neben seinem Lenkrad liegt eine Liste, auf der er genau nachhält und ankreuzt, welcher Haushalt eine Blaue Tonne hat und wo diese im Rahmen eines sogenannten Vollservice am Haus stehengelassen werden darf. Oder aber im Rahmen eines Gebührenrabatts am Straßenrand abgestellt werden muss, damit dort die blaue Tonne dann entleert wird. „Manchmal stellen die Leute auch nur deshalb nicht an den Straßenrand, weil sie einfach noch halbleer sind“, weiß Benny. Neben seiner Liste hat es Fahrer Tommy auch noch mit einem kleinen Bordcomputer zu tun, in den er die Kennnummern der verschiedenen Containerstandorte eintippen muss, damit die jeweiligen Füllmengen genau registriert werden können. Am Ende eines Arbeitstages haben Tommy und Benny 88 Kilometer zurück gelegt und 8,7 Tonnen Altpapier eingesammelt, die sie bei MEG-Reimondis in Oberhausen abliefern, und dort auf den Papierbergen abladen, die auf dem Gelände der Oberhausener Müllverbrennungsanlage auf ihren Abtransport und ihre weitere Verwertung warten. Am Ende eines Arbeitstages, an dem sich die Müllabfuhr auch beim Altpapier als Knochenjob gezeigt hat, meint Tommy: „Eigentlich wäre es sinnvoll, die blaue Tonne für alle Haushalte verpflichtend einzuführen, um sich die Containerstandorte, die nur Dreck fabrizieren, sparen zu können.“


Dieser Text erschien am 13. Februar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

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