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Wo und wie der Mensch und seine Kollege Computer eine zweite Chance bekommen


Ruhestand. Manche Menschen nehmen ihn wörtlich und wollen als Rentner in Ruhe gelassen werden. Die 180 in dem 2005 gegründeten Netzwerk der Evangelischen Kirchengemeinde Saarn aktiven Ruheständler lassen es zwar auch ruhig angehen, sind aber weiter offen für neue Menschen, neue Aktivitäten und neue Ideen. Gemeinschaft und Engagement werden ganz unspektakulär gepflegt und entfalten so ihren menschlichen Mehrwert.


So machen auch die Computer-Cracks, die ihre Netzwerkgruppe vor fünf Jahren aus der Taufe hoben, ihr gemeinsames Hobby für andere Menschen fruchtbar, indem sie zum Beispiel im Gemeindezentrum der Christuskirche am Lindenhof Computerkurse für Senioren anbieten oder bei ihrem wöchentlichen Treff, jeweils mittwochs von 11 bis 13 Uhr, gerne Fragen rund um Hardware und Software beantworten. Von ihrer neuesten Idee, alte Computer mit Festplatten, Soundcards und Co neu aufzurüsten, um sie dann Menschen zu spenden, die einen Computer brauchen, aber nicht bezahlen können, kam jetzt als erstes den Bewohnern im Haus Engelbert, das zur Selbecker Fliednerstiftung gehört, zugute.


Die Idee funktioniert natürlich nur dann, wenn die Netzwerker ausgediente Rechner und entsprechendes Zubehör gespendet bekommen, das sie aufarbeiten können. PC-Netzwerker Werner Rausch hatte das Glück des Tüchtigen. Er bekam von seinem ehemaligen Arbeitgeber. der nicht genannt werden möchte, fünf pensionierte „Computer-Kollegen“ zur Wiederverwendung. Mit frischer Festplatte und neuer Soundkarte ausgerüstet konnten Rausch und seine Netzwerk-Kollegen Rudolf Eschenberg, Andrea Ruckelshaus und Gemeindediakonin Ragnhild Geck sie im Haus Engelbert abliefern. So wie die alten Computer dort eine zweite Chance bekommen, so bereiten sich auch die derzeit 32 Menschen mit einer Suchtkrankengeschichte auf ihre zweite Chance für ein selbstständiges Leben ohne Suchtmittel vor.


„Wenn wir unsere Bewohner für das ganz normale Leben draußen fit machen wollen, dann schließt das natürlich auch den Umgang mit modernen Kommunikationsmitteln wie Computer und Internet ein“, betont der Leiter des soziotherapeutischen Zentrums, Dieter Bork. Damit dieses Ziel erreicht werden kann, bietet Gruppenleiter und EDV-Fachmann Holger Kischel für die Bewohner von Haus Engelbert regelmäßig Kurse im Seminarhaus der Fliednerstiftung an.Einer der seiner Kursteilnehmer, der 41-jährige Erik M., der den ersten Netzwerk-Computer in Empfang nahm, steht mit seiner Leidensgeschichte, zu viel Arbeit und zu viel Stress, die in einer Alkoholabhängigkeit und Angststörungen mündeten, für eine wachsende Zahl gerade jüngerer Menschen, die nach einem klinischen Entzug „trocken“ sind und jetzt im Haus Engelbert neue Kräfte, neue Einsichten und neues Selbstbewusstsein für den Neustart in die persönliche Selbstständigkeit tanken. Den alte neuen Kollegen Computer empfindet Erik dabei als nützlichen Motivationsschub auf seinem Weg zurück ins Berufsleben.


Wer die Computer-Doktoren des Saarner Netzwerks mit einer Sachspende, vom Rechner bis zur Festplatte oder ganz persönlich unterstützen will, kann sich unter  48 91 20 mit Werner Rausch in Verbindung setzen. Internetinformationen zum Haus Engelbert gibt es unter der Adresse: http://www.engelbert.fliedner.de/


Dieser Text erschien am 19. August 2010 in NRZ und WAZ

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