Samstag, 28. August 2010

Vom Leben mit der Kohle. Rechtzeitig zum Siedlerfest gibt es eine neue Broschüre über den Alltag zwischen Mausegatt- und Kreftenscherstraße


„Wenn ein Mensch stirbt, verbrennt eine ganze Bibliothek“, sagt ein japanisches Sprichwort. Walter Schmidt, der seit 1954 in der ab 1899 errichteten Bergmannssiedlung Mausegatt/Kreftenscheer lebt, ist mit seinen 78 Jahren Gott sei Dank noch quicklebendig. Dennoch hielt der ehemalige Bergmann, der ab 1951 auf der Heißener Zeche Wiesche sein tägliches Brot verdiente, in dem er „Kohle machte“, jetzt die Zeit für gekommen, zusammen mit Birgit Schlegel vom Förderverein der Siedlergemeinschaft Mausegatt/Kreftenscheer seine eigenen und die ihm von alten Nachbarn überlieferten Erinnerungen an das Leben und den Alltag in der Heißener Bergmannssiedlung aufzuschreiben.Rechtzeitig zum Siedlerfest, das am 3. und 4. September gefeiert wird, ist mit finanzieller Unterstützung der Sparkasse eine reich bebilderte Broschüre entstanden, in der man auf 64 Seiten nachlesen kann, wie das damals war, mit dem Leben in der Colonie Wiesche, der Nachbarschaftshilfe, dem Kinderkriegen, den Freizeitvergnügen und Beerdigungen oder den Freundschaften, der Moral und dem harten Überlebenskampf in der Kriegs- und Nachkriegszeit.

Besonders gern berichtet Schmidt über die große Solidarität unter den Familien der nicht um sonst Kumpel genannten Bergleute, die vor allem dann zum Tragen kam, wenn Familien in Not gerieten, weil Vater oder Mutter krank und arbeitsunfähig waren. Noch heute kann sich Schmidt darüber ärgern, als wäre gestern gewesen, dass es christliche Bergbauunternehmer wie Stinnes und Thyssen zuließen, dass Bergmannsfamilien mit sechs und mehr Kindern in Häusern mit 55 bis 65 Quadratmetern Wohnfläche leben mussten.In diesem Zusammenhang staunt die Vorsitzende des Fördervereins des Fördervereins der Siedlergemeinschaft Mausegatt, Silke Lange, darüber, dass die Bergmannsfamilien trotz der Enge auch noch Kostgänger beherbergten, die im Bett des Bergmanns schliefen, während der unter Tage arbeitete.

Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld würdigte die neue Broschüre über das Leben in der Mausegattsiedlung bei deren Vorstellung als „eine wertvolle Dokumentation von Lokal- und Regionalgeschichte.“ Nach inzwischen zwei Broschüren über die Heißener Bergmannssiedlung wünscht sich Schmidt jetzt noch ein kleines Bergmannsmuseum zwischen Mausegatt- und Kreftenscheerstraße. Über sein eigenes Leben als Bergmann an der Ruhr sagt der in Basel geborene Schmidt, der eigentlich Koch und Konditor werden sollte: „Für mich war es trotz aller Härten immer auch ein Stück Freiheit.“

Dieser Text erschien am 26. August in NRZ und WAZ

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