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"Brüder zur Sonne, zur Freiheit": Vor 65 Jahren wurde im Speldorfer Tengelmannsaal der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund gegründet

In Mülheim gibt es derzeit rund 54 600 sozialversicherungspflichtig beschäftigte Arbeitnehmer. Rund 18 500 von ihnen sind im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) organisiert.Noch vor der Bildung von Parteien sind es die Gewerkschaften, die vor 65 Jahren von der britischen Militärregierung als politische Organisationen zugelassen werden. 1500 Arbeitnehmer versammeln sich am 12. August 1945 im Speldorfer Tengelmann-Saal, um den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) zu gründen.

Bereits am 5. Juni 1945 hatte die britische Militärregierung der Bevölkerung mitgeteilt: „Freie Gewerkschaften werden zugelassen. Jedoch muss deren Tätigkeit mit demokratischen Mitteln ausgeübt werden. Die Gewerkschaften sollen nicht nur in beruflichen, wirtschaftlichen und sonstigen Aufgaben tätig sein, sondern die Erziehung des deutschen Volkes in freiheitlicher Lebensgestaltung und demokratischem Gedankengut fördern.“Schon wenige Tage nach dem Einmarsch amerikanischer Truppen nehmen Mülheimer Gewerkschafter im April 1945 Kontakt zur Militärregierung auf und gründen eine Antifaschistische Bewegung (Antifa), in der sich Gewerkschafter unterschiedlicher Weltanschauungen sammeln. Schon damals wird deutlich. Der Trend geht zur Einheitsgewerkschaft.

Anders als im Kaiserreich und in der Weimarer Republik wollen sich die Arbeitnehmervertreter nach Diktatur und Krieg nicht mehr in sozialistische, christliche und liberale Gewerkschaften auseinanderdividieren.Zu ihrem Mülheimer Hauptquartier wird das ehemalige Haus des christlichen Metallarbeiterverbandes an der Bahnstraße. Das heutige Gewerkschaftshaus an der Friedrichstraße entsteht erst Mitte der 70er Jahre.Bei ersten Betriebsversammlungen diskutieren Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertreter über die Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Arbeitszeit, Lohn und Produktionsprobleme, so will es die britische Militärregierung, bleiben aber vorerst Tabu.

Gegenüber der Militärregierung formuliert die Antifa erste Gewerkschaftsziele. Dazu gehören die Entfernung aller aktiven Nationalsozialisten aus ihren Positionen und die Bildung von Kontrollausschüssen zur Überwachung und Inbetriebnahme der öffentlichen Verwaltungen und Industriebetriebe. Betriebsausschüsse werden gebildet und die drei Gewerkschafter Ernst Tommes, Heinrich Melzer und Johann Doetsch als Dreierausschuss beauftragte, die Gründung von Einheitsgewerkschaften vorzubereiten. Dazu passt: Tommes ist Sozialdemokrat. Doetsch kommt aus der christlichen Arbeitnehmerbewegung und Melzer ist parteilos.

Am 12. August 1945 ist es dann so weit: Bei der Gründungsversammlung sagt der ehemalige Sozialdezernent Tommes: „Wir wollen alle arbeitenden Menschen zusammenfassen, um ohne parteipolitische Bindung für die Zukunft zugunsten aller arbeitenden Menschen einzutreten.“ Tommes beschwört „die Beseitigung der allgemeinen großen Not“, die Wieder- aufnahme der 1933 abgebrochenen internationalen Gewerkschaftsbeziehungen und „Deutschlands Rückkehr zu Frieden, Versöhnung und Völkerverständigung.“ Ausdrücklich erinnert er an diesem Tag des Neuanfangs auch an das Vermächtnis der von den Nazis ermordeten Gewerkschafter Willi Müller, Otto Gaudig, Fritz Terres, Hans Kaiser und Paul Meister.

Zum ersten Vorsitzenden des Mülheimer FDGB, der später auf das F im Namen verzichtet, wird der damals 55-jährige Heinrich Melzer gewählt, nach dem heute eine Straße in der Stadtmitte benannt ist. Der von den Nazis verfolgte und zeitweise inhaftierte Melzer, trat bereits als 17-jähriger Kesselschmied dem Deutschen Metallarbeiterverband bei. Er gehörte nach dem Ersten Weltkrieg zum Arbeiterrat bei Thyssen und führte von 1922 bis 1933, die Geschäfte der Deutschen Arbeiter Union. Die von der britischen Militärregierung herausgegebene Ruhrzeitung spricht am 15. August 1945 in einem Rückblick auf die Gründungsversammlung von „einem machtvollen Bekenntnis zum Wiederaufbau der Gewerkschaftsbewegung und vergisst dabei auch nicht den musikalischen Beitrag des Mülheimer Volkschores, der zur Feier des Tages das Arbeiterlied „Brüder zur Sonne, zur Freiheit“ angestimmt habe.

Als der Gewerkschaftsbund neun Monate nach seiner Gründung 1946 zu seiner ersten Maikundgebung auf dem Sportplatz an der Südstraße einlädt, folgen rund 10 000 Beschäftigte dem Aufruf. Eine der damaligen Forderungen lautet: „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit.“ Das klingt auch heute, angesichts von Lohndumping und immer mehr unsicheren Arbeitsverhältnissen, immer noch aktuell.Allerdings kann der Mülheimer DGB, der seit 1994 zu einem Regionalverband mit den Nachbarstädten Essen und Oberhausen gehört, von 10 000 Teilnehmern einer Maikundgebung wohl nur noch träumen und froh sein, wenn er ein Zehntel davon am Tag der Arbeit auf die Straße bringt.

Dieser Text erschien am 12. August 2010 in der NRZ

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