Freitag, 20. August 2010

Was macht eigentlich der Ruhrpreisträger Christian Rickert? oder: Am Anfang war die Zeichnung


Man kannte sie, weil sie Schlagzeilen machten, weil ohne sie nichts gelaufen wäre oder weil sie für kurze Zeit im Rampenlicht standen. Wie ist es ihnen ergangen, was machen sie heute? Für die NRZ fragte jetzt beim Maler Christian Rickert (Foto: privat) nach, der vor 40 Jahren mit dem Ruhrpreis für Kunst und Wissenschaft ausgezeichnet wurde und vor wenigen Tagen seinen 70. Geburtstag feiern konnte."

Am Anfang war die Zeichnung" steht auf seiner Internetseite: www.christian-rickert.com. Tatsächlich begann sein Künstlerleben mit Bleistiftzeichnungen, ein Genre, das er auch heute noch großformatig in seinem Berliner Atelier pflegt. Gerade erst hat er die 100 x 70 Zentimeter große Zeichnung "Die Horde überzieht das Land" vollendet."Wer die Horde ist, kann sich jeder selbst denken", sagt er mit einem Anflug subtiler Ironie, die seinem gesamten Werk nicht fremd ist.

Wer seine Bilder und Zeichnungen, wie etwa das um 1970 entstandene Ölgemälde "Gemütliches Beisammensein" betrachtet, wirft einen fotorealistischen Blick auf die Wirklichkeit. Rickert arbeitet unter anderem mit den Stilelementen von Verwackelung und buchstäblicher Vielschichtigkeit. "Meine Arbeiten geben keine Antworten. Sie stellen Fragen und fordern auf, Fragen zu stellen", schreibt der 1966 bereits mit dem renommierten Kunstpreis des Jungen Westens ausgezeichnete Ruhrpreisträger denn auch 1974 in einem Selbstporträt. Im gleichen Text heißt es über seine künstlerischen Wurzeln: "Im 17. und 18. Lebensjahr unterwarf mich mein Vater einem harten und intensiven Naturstudium. Somit muss ich den Ausgangspunkt meiner bildnerischen Bemühungen als den eines sachlichen Realismus bezeichnen."Sein Vater Johannes unterrichtete Kunst an der heutigen Otto-Pankok-Schule, wo Christian 1960 das Abitur bestand und anschließend zum Studium nach Berlin ging.

Johannes Rickert war Mitgründer des Kunstvereins und Promoter eines neuen Kunstmuseums. Obwohl sein Sohn bis heute gerne in Berlin lebt und erfolgreich als freischaffender Künstler arbeitet – seine Werke wurden nicht nur in Mülheim, sondern auch in Brüssel, Berlin, Kiel, Mannheim, Darmstadt Düsseldorf und München von Museen, Galerien und Sammlern angekauft und ausgestellt –, bezeichnet der in Breslau geborene Rickert Mülheim bis heute als seine Heimatstadt. Obwohl sich der Wahl-Berliner bei seinen Besuchen, wen wundert es, mit der Mülheimer Verkehrsführung manchmal schwer tut, hat er aus seiner Außensicht den Eindruck, "dass die Stadt wohnlicher geworden ist.", weil es hier inzwischen mehr Straßencafes gebe als in seiner Mülheimer Jugendzeit.

Mit Blick auf den 1977 errichteten Hajek-Brunnen vor dem Kunstmuseum alte Post ist sich Rickert mit der Mehrheit der Mülheimer einig: "Der gehört da nicht hin". Das umstrittene Kunstbauwerk sieht Rickert als Ausdruck eines falscherstandenen Modernismus und Bauhausstil’, "mit dem man damals gegen die als alt und überholt empfundene Architektur aus der Gründerzeit gegensteuern wollte."Gerne erinnert er sich an seine frühen Bootspartien auf der Ruhr und besucht regelmäßig seine in Mülheim lebende Schwägerin und deren Kinder. Dass das Kunstmuseum keines seiner 26 Rickert-Werke in der aktuellen Jubiläumsausstellung präsentiert, schmerzt den Künstler. "Wir hatten die Qual der großen Auswahl, aber wir arbeiten weiter mit unseren Beständen und werden auch Rickert wieder zeigen," verspricht aber der stellvertretende Museumsleiter Gerhard Ribbrock.

Dieser Text erschien am 20. August 2010 in der NRZ

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