Dienstag, 3. November 2009

Die Frau hinter den Herbstblättern: Ein Gespräch mit Claudia vom Felde


Herbstblätter – das ist in Mülheim nicht nur ein Naturphänomen, sondern auch ein Literaturereignis, das noch bis zum 20. November Lesepublikum und Autoren zusammenbringt. Ist die Literaturreihe der Stadtbücherei eine Erfolgsgeschichte und wie funktioniert sie? Ich sprach mit ihrer Macherin Claudia vom Felde.

Warum muss die Stadtbücherei eine Literaturreihe auf die Beine stellen?
Es gibt doch auch Buchhandlungen, die Autoren zur Lesung einladen. Wir haben als Stadtbücherei jeden Tag mit Literaturvermittlung zu tun. Da sind wir der erste Anlaufpunkt in der Stadt. Und deshalb sind wir auch für eine literarische Veranstaltungsreihe sicher die geeignetste Adresse.

Was ist der Mehrwert der Herbstblätter? Was kann diese Literaturreihe bewirken?

Wenn Autoren persönlich ihre eigenen Bücher vorstellen, bekommt Literatur eine ganz andere Wirkung. Den Autor eines Buches leibhaftig vor sich zu sehen, ist immer wieder ein besonderes Erlebnis. Es eröffnet einen ganz anderen Blickwinkel auf die Literatur, macht unseren Eindruck von ihr bunter und lebendiger. Man sieht eben die Person, die hinter dem Buch steht.

Bescheren die Herbstblätter der Stadtbücherei mehr Leser und Kunden?
Das kann man so sicher nicht sagen. Aber wir stellen fest, dass es eine verstärkte Nachfrage nach den Werken der Autoren gibt, die wir bei den Herbstblättern vorstellen. Außerdem ist der Herbst die Jahreszeit, in der mehr schöne Literatur gelesen wird als sonst. Das Bestreben der Herbstblätter ist es immer, einen Ausschnitt aus der aktuellen Buchproduktion vorzustellen, die mit der Frankfurter Buchmesse auf den Markt kommt. Insofern sind die Herbstblätter auch eine gute Gelegenheit, sich darüber zu informieren, was es neues gibt auf dem Markt, vielleicht auch mit Blick auf ein Geschenk für Weihnachten.

Wie entscheiden Sie, was bei den Herbstblättern vorgestellt werden soll?
Wir haben kein durchgängiges Thema, sondern achten immer auf eine gute Mischung aus schwerer und leichter Kost, aus Lyrik, schöner Literatur und Sachliteratur. Und dann stelle ich meine Wunschliste auf.

Wie kommen Sie an Ihre Autoren?
Schon im Frühjahr frage ich bei den Verlagen und Literaturagenturen nach: Wer geht im Herbst auf Lesereise? Welchen Autoren können Sie uns empfehlen? Aber es gibt auch immer wieder Autoren, die selbst bei uns anfragen und die Vorstellung ihres neuen Buches anbieten. Hans Georgi war jetzt schon zum zweiten Mal bei den Herbstblättern. Tanja Kinkel hatten wir schon drei Mal zu Gast. Und auch Nina Hoger und das Ensemble Noisten sind in diesem Jahr zum dritten Mal dabei. Vor einigen Jahren konnten wir auch mal Frank Schätzing gewinnen, der mit einer Multivisionsshow sein Buch "Der Schwarm" vorstellte. Doch den könnten wir uns heute nicht mehr leisten.

Apropos leisten. Was kosten die Herbstblätter?
Das kann ich so genau gar nicht sagen. Fest steht, dass wir mit unseren Eintrittspreisen und 500 bis 600 verkauften Tickets nicht kostendeckend arbeiten können. Ohne Sponsoren und Förderer, wie die Sparkasse und die Leonhard-Stinnes-Stiftung, wären die Herbstblätter nicht denkbar. Was die Autorenhonorare betrifft, so bewegen wir uns zwischen 300 und 1500 Euro pro Autor. Verpflichten wir eine größere Gruppe mit mehreren Akteuren, die zum Beispiel Musik und Literatur präsentieren, können wir auch schon mal 3000 Euro einplanen. Das ist dann aber auch das Maximum und nur vertretbar, wenn man davon ausgehen kann, dass so eine Veranstaltung auch ein größeres Publikum finden wird. Die Kosten hängen natürlich auch davon ab, ob ein Autor von weit her anreisen muss und eine Hotelübernachtung braucht, oder ob wir einen Kooperationspartner finden, mit dem wir uns die Kosten teilen können.

Lohnt sich der Aufwand, der für die Herbstblätter betrieben wird?

Auf jeden Fall. Wir merken an den vielen Rückfragen – Was gibt es denn dieses Jahr? Und wann ist es wieder so weit? –, dass die Herbstblätter immer bekannter und beliebter werden. Allerdings haben wir noch ein Problem damit, jüngere Leser für die Herbstblätter zu gewinnen. Selbst eine auf junges Publikum abzielende Veranstaltung zur Fantasy-Literatur war mit gerade mal 30 Besuchern nicht unbedingt ein Publikumsrenner. Aber ich warte da einfach mal ab. Denn wir stellen fest, dass die Stadtbücherei jetzt von mehr jungen Leuten besucht wird, die sich hier im neuen Medienhaus gerne aufhalten. Vielleicht können wir da mal ins Gespräch kommen und Meinungen und Interessen abfragen, um zu erkennen, welche Themen wir abgreifen müssten, um mehr junge Leute für die Herbstblätter zu begeistern.

Muss Literatur live in der Stadtbücherei auf die Herbstblätter beschränkt bleiben?
Nein. Ich könnte mir vorstellen, dass wir künftig im Monatsrhythmus einzelne Literatur- und Musikveranstaltungen im Medienhaus anbieten könnten. Für diesen Zweck hat uns der Freundeskreis der Stadtbücherei bereits ein Klavier gestiftet.

Zur Person:
Claudia vom Felde (49) ist gelernte Buchhändlerin und Diplom-Bibliothekarin und arbeitet seit 1986 in der Stadtbücherei. Sie arbeitete zunächst in den Bereichen Lektorat und Auskunftsdienst. In letzterem Bereich ist sie auch weiterhin tätig. Allerdings hat sie im August 2009 die neugeschaffenere Stelle für Öffentlichkeitsarbeit übernommen. In dieser Funktion ist sie nicht nur für die Planung von Veranstaltungen, sondern auch für Kooperationsprojekte und die Pressearbeit der Stadtbücherei zuständig.

Weitere Informationen zum Programm der Literaturreihe finden Sie im Internet unter: http://www.herbstblaetter-muelheim.de

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