Direkt zum Hauptbereich

Wie ein warmer alter Mantel: Eine Veranstaltung in der katholischen Akademie Die Wolfsburg stellte die Frage, wie Kirche klingen muss, wenn sie von Gott spricht.

Auf dem Podium: (von links) Der Pastoraltheologe Prof. Dr. Matthias Sellmann, Wort-zum-Sonntag-Sprecher Gereon Alter, die evangelische Theologin und Autorin Christina Brudereck, Politik-Berater Erik Flügge und Moderator Jens Oboth von der katholischen Akademie.

Wie kann Kirche klingen? Das fragte sich die Katholische Akademie und suchte Rat bei berufenen Experten. Rat tut Not. Denn die Frohe Botschaft des Christentums kommt nicht mehr überall an. Rund 7500 Katholiken im Bistum Essen haben, laut Bischofskonferenz, im Jahr 2014 ihrer Kirche den Rücken gekehrt. Die aktuelleren Austrittszahlen aus dem Jahr 2015, die das Bistum Mitte Juli veröffentlichen will, werden wahrscheinlich vergleichbar hoch sein. Seit dem Jahr 2000 ist der Bevölkerungsanteil der katholischen Christen im Ruhrbistum so um fünf auf jetzt noch 33 Prozent gesunken.
Warum verstehen viele Katholiken ihre Kirche nicht mehr? „In der Kirche ist es meistens kalt und dunkel. Da wird von Tod, Angst und Zuversicht gesprochen. Das verstehen viele Menschen nicht. Und sie empfinden es als übergriffig“, schreibt der junge Katholik Erik Flügge seiner Kirche ins Stammbuch. Der Germanist, Buchautor, Blogger und Politikberater zeigt nicht nur an diesem Abend in der Wolfsburg, dass er mit Sprache umgehen kann. Er wünscht sich Pfarrer, „die nicht so salbungsvoll, sondern ganz normal, wie beim Bier mit einem Freund über ihren Glauben sprechen.“ Neben der Sprache ist dem jungen zornigen Mann auch das Erscheinungsbild so manches Sandalen-Theologen im XXL-Schlabber-Look ein Dorn im Auge. Sicher. Auch für Gottesmänner und Frauen gilt: „Wie du kommst gegangen, so wirst du auch empfangen.“
Flügges Forderung nach einer pointierter auftretenden Kirche kontert der Pastoraltheologe Matthias Sellmann mit dem Hinweis: „Dass eine gute religiöse Sprache nicht nur unterhalten, sondern auch trösten und nachdenklich machen soll.“ Mit Blick auf die fragwürdigen politischen Pointen der AFD warnt Sellmann seine Kirche davor, mit anderen Meinungsführern und Sinnanbietern in einen Pointen-Wettbewerb einzutreten. Auch der Hochschullehrer Sellmann sieht die wissenschaftlich mit Fußnoten überladene Theologensprache kritisch, fordert aber auch einen klaren Qualitätsstandard, „der mir als Zuhörer geistige Nahrung gibt und mich sinnbildlich in den Hintern tritt, damit ich gut durch die neue Woche komme.“ Der Politikberater räumte ein, dass es auch vielen Politikern nicht gelinge, ihre Botschaft verständlich an die Frau und den Mann zu bringen. Deshalb, so Flügge, gehe für sie dann am Wahlabend der Balken nach unten, während die Kirchenmitglieder mit den Füßen abstimmten und einfach nicht mehr hin gingen oder sogar austräten.
Die evangelische Theologin und Autorin Christina Brudereck empfiehlt Christen, die im Namen ihrer Religion das Wort ergreifen wollen, sich erst mal selbst zu positionieren: „Schreiben Sie doch mal in drei Sätzen auf, was Ihre Religion für sie charmant macht“, empfiehlt sie ihren Podiums-Kollegen und Zuhörern im vollbesetzten Auditorium der Akademie. Aus ihrer Sicht täte die Kirche gut daran, die schwierige Aufgabe der Predigt, nicht nur den Pfarrern aufzubürden, sondern Menschen aus dem richtigen Leben, von der Krankenschwester bis zum Manager, als Gastprediger einzuladen und so für mehr Vielfalt und Lebensnähe zu sorgen. Brudereck sieht eine gute theologische Sprache, „wie einen warmen Mantel, den man Menschen tröstend umlegen kann.“ Beispielhaft zitiert sie die Gedichtzeilen des evangelischen Pfarrers und 1945 von den Nazis ermordeten Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.“ Immer wieder schön und wohltuend zu hören.

Theologe Gereon Alter vom ARD-Sprecherteam des Wortes zum Sonntag ermutigt die Gemeindemitglieder zu „einer Feedback-Kultur“, die Pfarrer nicht nur mit dem Satz abspeist: „Sie haben wieder schön gepredigt!“ Seinen Kollegen empfiehlt er, „möglichst bildhaft und immer aus ihrer eigenen Biografie heraus“ zu predigen, um mit ihrer frohen christlichen Botschaft authentisch anzukommen.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Am liebsten hört sie Radio: Margarete Sonnenschein feierte jetzt ihren 100. Geburtstag

"Wie alt bin ich jetzt? 100?!“ fragt Margarete Sonnenschein, während sie mit ihren Mitbewohnerinnen in der Villa Nestor bei Kaffee und Kuchen ihren dreistelligen Geburtstag feiert. 

Seit zehn Jahren lebt sie  in einer Wohngemeinschaft, die von den Pflegepartnern betreut wird. Weil sie aufgrund einer Makuladegeneration nicht mehr sehen kann, hört sie am liebsten Radio. Besonders bedauert sie es, dass ihr Lieblingsmoderator Jürgen Domian nicht mehr auf Sendung ist. Seine seelsorgerischen Gespräche mit Menschen in unterschiedlichsten und schwierigsten Lebenslagen hat die ehemalige Bibliothekarin und Buchhändlern immer besonders gerne gehört. Deshalb freut sich Sonnenschein darüber, dass ihr Pflegedienstleiterin Karin Eberlein und ihre Mitbewohnerinnen eine CD-Sammlung mit Domians besten Gesprächen geschenkt haben.

Schwere Zeiten kennt die Dame, die zweimal verheiratet war und vor 35 Jahren ihren einzigen Sohn begraben musste, nur zu gut.

Noch im Ersten Weltkrieg geboren, musste sie die…

Suchtfaktor Karneval

Sie ist die jüngste der 13 Mülheimer Karnevalsgesellschaften, die KG Aunes Ees. Zwölf Karnevalsfreunde aus der damals aufgelösten KG Düse formierten sich im Juli 2017 zur neuen KG Aunes Ees. „Aunes Ees ist mölmsch Platt und bedeutet anders als, weil wir anders sind als viele andere Karnevalsgesellschaften“, erklärt der Vorsitzende der neuen Gesellschaft Jörg Schwebig die Namenswahl.
Anders als die anderen mölmschen Gesellschaften, gibt es bei Aunes Ees neben einer Aktivengarde auch eine integrative Garde, in der Menschen mit und ohne Handicap ihren Spaß am Tanz gemeinsam auf die Bühne bringen. Dass es dazu kam, hat mit Schwebigs Bruder Frank und seiner Schwägerin Vivian zu tun, Sie sind Eltern einer behinderten Tochter, die in einer integrativen Tanzgarde einer Duisburger Gesellschaft aktiv war. Doch das Mädchen und seine Gardekolleginnen fühlten sich ihrer bisherigen Gesellschaft nicht mehr gut aufgehoben und wechselten deshalb 2017 geschlossen in die neue Mülheimer Karnevalsgesellsch…

Welche Chancen haben Förderschüler auf dem Arbeitsmarkt? Die gute Nachricht lautet: Zeugnisse und Noten sind eben nicht alles, wenn es um den Einstieg in den Beruf geht

„Alles wird gut.“ So steht es auf einer Holzskulptur, die der Geschäftsführer der Berufsbildungswerkstatt (BBWe), Thomas Aring, von Lehrgangsteilnehmern aus dem Berufsfeld Farbe und Raumgestaltung zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. Gilt das auch für Förderschüler, wenn sie ihren geschützten Lernraum verlassen und auf dem Arbeitsmarkt einen Ausbildungsplatz suchen? Aring schätzt, dass aktuell rund 20 Prozent seiner insgesamt 500 Lehrgangsteilnehmer von der Förderschule kommen. Sie alle konnten nach der Schule keinen Ausbildungsplatz bekommen und trainieren jetzt im Rahmen eines Berufsvorbereitsungsjahres oder eines Werkstattjahres für den ersten Ausbildungsmarkt.


„Viele, die zu uns kommen, erleben im ersten halben Jahr einen richtigen Entwicklungsschub und sind dann auch besonders motiviert“, berichtet Aring. Wie es im optimalen Fall laufen kann, zeigen die 17-jährige Katharina Schaefer und der 19-jährige Patrick Hoppe. Beide haben eine Mülheimer Förderschule für Lernbehinderte bes…