Dienstag, 26. Juli 2016

Schicht im Schacht: Am 29. Juli 1966 wird in Mülheim zum letzten Mal Kohle gefördert. Mit der Stilllegung von Rosenblumendelle verlor die Stadt ihre letzte Zeche. Das war das Ende einer langen Tradition.

Diese Kohlenloren am Eingang der Heißener Bergamannssiedlung
Mausegatt/Kreftenscheer erinern an die Zeit, in der in
Mülheim noch Kohle gemacht wurde.
„Im Pütt ist Feierabend" titelt die NRZ, nachdem am Mittag des 29. Juli 1966 in der Zeche Rosenblumendelle die letzte Kohlenlore aus 915 Metern Tiefe zutage gefördert worden ist. Der Moment, in dem Mülheim zur ersten zechenfreien Stadt des Ruhrgebietes wird und damit eine jahrhundertelange Tradition zu Ende geht, wird sogar von Fernsehkameras festgehalten.

Der für die Zechenschließung verantwortliche Veba-Chef Paul Kemper gibt offen zu, dass ihm an diesem Tag nicht nach Film und Fernsehen zumute sei. An die 163 Kumpel der letzten Schicht am Heißener Schacht gerichtet, sagt Kemper: „Die Schließung von Rosenblumendelle verlangt unerhört viel von Ihnen. Wir werden uns aber mit allen Mitteln dagegen wehren, dass strukturelle Änderungen auf dem Rücken derjenigen ausgetragen werden, die dadurch den Arbeitsplatz verlieren." Mit den strukturellen Änderungen meint Kemper die Tatsache, dass immer mehr mit Öl und Gas statt mit Kohle geheizt wird.

Das bedeutet für Rosenblumendelle, die letzte von ursprünglich acht Zechen des 1898 gegründeten Mülheimer Bergwerkvereins, dass die Tagesförderung von 4500 Tonnen im Jahr 1952 auf zuletzt 1000 Tonnen gesunken ist. In ihren besten Zeiten gaben Mülheims Zechen 3000 Bergleuten Arbeit und Brot. Nach der Stilllegung von Rosenblumendelle, wo in 116 Jahren insgesamt rund 46 Millionen Tonnen Kohle zutage gefördert wurden, müssen die Mülheimer Kumpel zunächst in Omnibussen zu weiter entfernten Zechen gebracht werden. Viele kommen auf der Stinnes-Zeche Diergardt-Mevissen oder bei Stinnes-Ruhrglas unter.

Doch auch die Zahlung einer Verlegungsprämie von 1500 und einer Treueprämie von 1250 Mark können die Kumpel nicht wirklich über den Verlust ihres Mülheimer Arbeitsplatzes hinwegtrösten. „Ich gehe zur Lederfabrik nach Saarn. Eine Entschädigung für meine Staublunge bekomme ich nicht", erzählt der damals 38-jährige Bergmann Günter Müller dem NRZ-Reporter. Der notiert mit dem bei einer Abschiedsfeier zum letzten Mal angestimmten Lied „Glück auf, der Steiger kommt" im Ohr „Aber stolz, wie früher, klang es nicht mehr. Denn der Kohlenbergbau in Mülheim ist zu Ende." Dass Veba-Chef Kemper die Hoffnung auf „einen neuen Aufstieg der Kohle" beschwört, wirkt eher wie das Pfeifen im dunklen Walde. Die letzte Schicht im Schacht muss die Zeche Rosenblumendelle bis März 1967 abwickeln. In der Rückschau bleibt festzuhalten: Zwischen 1850 und 1966 wurden auf der Heißener Zeche Rosenblumendelle insgesamt rund 46 Millionen Tonnen Kohle zutage gefördert.


Dieser Text erschien am 29. Juli 2008 in der Neuen Ruhr Zeitung

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