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Schon heute geht auch in Mülheim die soziale Schere immer weiter auseinander

Klaus Konietzka leitet die
Mülheimer Sozialagentur
Wenn man den Leiter der Sozialagentur, Klaus K
onietzka und Stadtforscher Volker Kersting nach den sozialpolitischen Herausforderungen für das Mülheim von Morgen fragt, legen sie erschreckende Zahlen aus dem Mülheim von Heute vor. 30 000 Mülheimer, fast ein Fünftel der Stadtbevölkerung, sind heute auf Arbeitslosengeld 2 oder auf Grundsicherung im Alter angewiesen. Am höchsten ist der Anteil der von Arbeitslosengeld 2 abhängigen Mülheimern mit 

Stadtforscher und Statistiker
Volker Kersting
Die ganze Dramatik dieser Zahl wird deutlich, wenn Statistiker Volker Kersting mit Blick auf eine Mülheim-Karte zeigt, dass Armutsrisiko in den Stadtteilen (Styrum, Eppinghofen und Stadtmitte) am größten ist, in denen mit 130 bis 150 pro Jahr die meisten Kinder geboren werden. Hier liegt der Anteil der Kleinkinder, deren Eltern auf Arbeitslosengeld 2 angewiesen sind bei bis zu 62,4 Prozent. Im Gegensatz dazu weisen Saarn und Speldorf-Nordwesten, wo mit etwa 30 pro Jahr die wenigsten Kinder geboren werden, in der gleichen Altersgruppe einen ALG-2-Abhängigkeitsanteil von 5,6 Prozent auf.
Konietzka und Kersting gehen davon aus, dass die Zahl der Menschen, die auf staatliche Sozialleistungen angewiesen sein werden in zehn bis 15 Jahren weiter angestiegen sein wird. „Da wächst uns etwas zu“, sagt Konietzka mit Blick auf Flüchtlingszustrom und den mittelfristig damit verbundenen Familiennachzug. Der Chef der Sozialagentur geht davon aus, dass etwa 10 bis 15 Prozent der Flüchtlinge aufgrund ihrer Qualifikation kurzfristig in den Arbeitsmarkt integriert werden können, während die anderen mittel bis langfristig auf staatliche Hilfe angewiesen sein werden.

Angesichts der Tatsache, dass 70 Prozent der Mülheimer Arbeitslosengeld-2-Bezieher schon länger als 24 Monate auf ALG 2 angewiesen sind, weiß Konietzka, dass verfestigte Langzeitarbeitslosigkeit aufgrund fehelender Qualifikation keineswegs nur ein Problem von Zuwanderern ist.

Wir brauchen massive Investitionen in Beton, Bildung und Arbeit, um damit mehr Menschen eine Teilhabe an unserer Stadtgesellschaft und eine Perspektive für ihr eigenes Leben zu verschaffen“, sagt Konietzka. Weil die mit rund 1,5 Milliarden Euro verschuldete Stadt angesichts ihrer steigenden Sozialausgaben schon heute an ihrer finanziellen Belastungsgrenze angekommen ist, warnt er vor einer „Kommunalisierung der sozialen Probleme und verlangt vor allem vom Bund ein verstärktes finanzielles Engagement, wenn es um Investitionen in Bildung, soziale Teilhabe, sozialen Wohnungsbau, Wohnumfeldverbesserung und in den Aufbau eines zweiten Arbeitsmarktes geht, der Langzeitarbeitslose wieder eine Lebensperspektive jenseits des passiven Arbeitslosengeld-2-Bezugs verschafft. Ausdrücklich unterstützt er Caritas-Chefin Regine Arntz, wenn sie feststellt: „Es darf nicht sein, dass sozialpolitische Aufgaben von oben definiert, aber unter ausgeführt und bezahlt werden müssen.

Mit Blick auf seine Sozialraumzahlen und die Ergebnisse der Vorschuluntersuchungen kann Stadtforscher Volker Kersting nachweisen, dass Kinder aus ALG-2-Familien, dreimal weniger sozialen, sprachlichen und motorischen Förderbedarf haben, wenn sie durch steuerfinanzierte Hilfen in die Lage versetzt werden zum Beispiel in einem Sportverein aktiv zu werden, musische Förderung erhalten oder durch positive Vorbilder in einem sozial unbelasteten Umfeld motiviert werden. Deshalb plädieren Kersting und Konietzka auch für einen möglichsten frühen und langen Kita-Besuch.

Arbeitsmarkt und Altersarmut


2012 ging das Bundesarbeitsministerium aufgrund der Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse und der gleichzeitigen Absenkungen des Rentenniveaus auf 43 Prozent des Arbeitseinkommens davon aus, dass ab 2030 jeder dritte Neu-Rentner auf Grundsicherung im Alter angewiesen sein wird. Die jüngsten Erkenntnisse des statistischen Bundesamtes zeigen, dass inzwischen 39 Prozent der Beschäftigten in prekären Arbeitsverhältnissen tätig sind. Stadtforscher Volker Kersting weist auf seiner Erkenntnisse darauf hin, dass wir in Mülheim derzeit 11 000 Mülheimer auf Mini-Jobs angewiesen sind. Hinzu kommen 1000 Mülheimer in Leiharbeit. Weitere 13 000 Mülheimer sind nur teilzeit beschäftigt. Die rententechnisch prikär beschäftigten Mülheimer machen etwa 37 Prozent der insgesamt rund 70 000 Beschäftigten.

Dieser Text erschien am 6. Juli 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung


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