Montag, 14. Dezember 2015

Morgens um Sieben ist die Welt noch in Ordnung Zumindest für die Mülheimer Verkehrsgesellschaft: Denn dann haben ihre Bahnen und Busse besonders viele Fahrgäste. Sie wollen möglichst pünktlich zur Arbeit oder zur Schule kommen, was nicht immer gelingt: Eindrücke einer Dienstfahrt

Wer behauptet, dass Busse und Bahnen doch ohnehin meistens halb leer durch die Stadt fahren würden, war noch nie Fahrgast im Berufsverkehr. Kurz vor Sieben. Noch schnell einen Kaffee als kleine Energiespritze für den Tag und dann nichts wie hin und hinunter in den gut gekühlten Untergrund der Schloßstraße. Die elektronische Anzeige der Mülheimer Verkehrsgesellschaft zeigt, dass die Stunde geschlagen hat. Die Straßenbahnlinie 102 in Richtung Oberdümpten fährt in fünf Minuten in den U-Bahnhof Stadtmitte ein.

Wer am U-Bahnhof Stadtmitte auf die Bahn wartet, muss sich warm anziehen. Ein junger Mann im Kapuzenpulli geht so intensiv auf und ab, als denke er noch darüber nach, ob er überhaupt einsteigen solle oder nicht. Aber eine Klassenarbeit wartet. Und die Bahn ist pünktlich. Er muss einsteigen. Sitzplatz? Fehlanzeige! Die Bahn ist rappelvoll. Wer mitfahren will, muss sich zu diesem frühen Zeitpunkt an den Stangen und ihren Schlaufen im Gang gut festhalten. Standfestigkeit ist gefordert. Das ändert aber nichts daran, dass man richtig durchgeschüttelt wird.

Zwischen Uhlenhorst, Stadtmitte und Oberdümpten sehen die meisten Fahrgäste der 102 um kurz nach Sieben noch recht müde und oft auch etwas geistesabwesend aus. Man sieht die Zeitungs- und Buchleser mit einem Kaffeebecher und die gut verkabelten Smartphone-Nutzer. Nur wenige Leute wollen sich am frühen Morgen unterhalten. „Ich habe am liebsten meine Ruhe“, meint ein Fahrgast. „Es macht einfach Spaß, vor dem Unterricht noch mal zu entspannen und Musik zu hören“, sagt eine Schülerin, die ihre Stöpsel kurz aus den Ohren nimmt. Einem 57-jährigen Bankkaufmann reicht der morgendliche Blick aus den großen Straßenbahnfenstern, um sich vor Dienstbeginn zu entspannen. Ein 59-jähriger Kollege lenkt sich um 7.30 Uhr lieber mit der Lektüre eines Kriminalromans ab. Er sagt: „Morgens mit der Straßenbahn statt mit dem Auto zur Arbeit zu fahren, hat schon seine Vorteile. Man braucht nicht auf den Verkehr zu achten, steht nicht im Stau und muss anschließend auch keinen Parkplatz suchen. Aber die Bahn könnte pünktlicher und die Information über Verspätungen und Ausfälle besser sein.“

Und worüber unterhält man sich zwischen 7 und 8 Uhr auf dem Weg zur Schule, wenn man denn Lust hat, sich seinen Schulkameraden mitzuteilen? „Natürlich über die bevorstehende Oberbürgermeister-Wahl“, flunkert ein Jugendlicher. Seine Klassenkameraden lachen, und der weitere Verlauf ihrer Morgenkonversation zeigt: Schülergespräche drehen sich, wie eh und je um die Macken von Lehrern und Mitschülern. Die Anwesenden werden natürlich ausgenommen.

„Natürlich werden in der Straßenbahn auch schon mal Hausaufgaben abgeschrieben“, gibt eine Schülerin zu. Doch an diesem Morgen bleiben Hefte, Stifte und Bücher in den Schultaschen. Alle Schüler, die hier an Bord sind, scheinen ihre Hausaufgaben gemacht zu haben.

„Die neuen Niederflurbahnen sind schon klasse“, lobt ein Schüler im Rollstuhl die auf der Linie 102 pendelnde Neuanschaffung der Mülheimer Verkehrsgesellschaft und ihrer Nachbargesellschaften im Verkehrsverbund Via.

Einige Mütter und Väter, die an diesem Morgen mit Kind und Kinderwagen ein- und aussteigen, um den Nachwuchs vor der Arbeit noch schnell in die Kindertagesstätte zu bringen, sehen die Niederflurbahn als einen Fortschritt.

„Man kann einfach bequemer ein- und aussteigen“, sagen sie. Aber sie klagen auch über rücksichtslose Fahrgäste, die manchmal die für Kinderwagen vorgesehenen Sitznischen einfach nicht freigeben wollen. Und wie ist das mit dem Schülerlärm am frühen Morgen oder in der Mittagszeit? „Manchmal werden sie schon sehr laut, und wenn sie es übertreiben, macht der Fahrer auch schon mal eine Durchsage, aber was soll’s. Wir waren auch mal jung“, meint ein Mitarbeiter der Fliedner-stiftung.

Und Straßenbahnfahrer Dirk Rasinski findet: „Wirklich stressig ist morgens nur der sehr dichte Straßenverkehr. Da muss man höllisch aufpassen.“

Sein Arbeitstag beginnt in der Regel schon kurz nach 4 Uhr. Doch in 27 Dienstjahren hat der Frühaufsteher, wie er glaubhaft versichert, noch nie verschlafen.


Dieser Text erschien am 11. September 2015 in der NRZ und in der WAZ 

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