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Lars Lürig und Alfred Beyer: Was zwei starken Menschen mit Handicap zum Welttag der Menschen mit Behinderung einfällt

Alfred Beyer
Heute ist der Welttag der Menschen mit Behinderung. Brauchen wir so einen Tag oder ist er eine Alibi-Veranstaltung? „Wenn Journalisten diesen Tag zum Anlass nehmen über die Belange der Menschen mit Behinderung zu schreiben und damit öffentliche Aufmerksamkeit schaffen, hat dieser Tag seinen Zweck schon erfüllt“, findet Lars Lürig.

Der 40-Jährige, der an der Luisenschule Englisch und Sozialwissenschaften unterrichtet, hat nur einen Arm. Der andere Arm und beide Beine sind nur ansatzweise ausgebildet. Der Pädagoge, der als Schwimmer bei den Paralympics 1996 in Atlanta eine Goldmedaille gewann, lebt seit seiner Geburt mit diesem Handicap. „Ich habe mich nie als behindert erlebt“, betont er.

Dass führt er vor allem darauf zurück, dass ihn seine Eltern von Anfang an zur Selbstständigkeit und zum Selbstbewusstsein erzogen haben. „Wichtig war für meine Entwicklung auch die Tatsache, dass ich als Kind einen Regel-Kindergarten und eine Regelschule besuchen konnte“, betont Lürig.

Deshalb begrüßt er auch die Inklusion und verweist auf andere Länder, in denen Menschen mit und ohne Handicap schon lange ganz selbstverständlich zusammen an einer Regelschule lernen. „Das ist für die Schüler mit und ohne Handicap ein Gewinn, weil sie sich in einer Gemeinschaft als normal erleben und so erst gar keine Berührungsängste oder Vorurteile entstehen können.“

Auch als Lehrer mit Handicap hat Lürig keine Autoritätsprobleme. „Wenn ich in eine neue Klasse komme, dürfen mich die Schüler in der ersten Stunde alles fragen, was sie über meine Behinderung wissen wollen“, erzählt Lürig und bescheinigt seinen Schülern, „dass sie mir immer respektvoll begegnen.“

Auch der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der in der Behindertenarbeit aktiven Organisationen (AGB), Alfred Beyer, sieht die Inklusion als einen guten Ansatz. Allerdings weist er darauf hin, dass es in der Schulrealität oft an den räumlichen, finanziellen und personellen Rahmenbedingungen mangelt. Räume für Binnendifferenzierung sind nur eine Voraussetzung für gelingende Inklusion. Anders als in vielen skandinavischen Ländern sind zwei Pädagogen in einer inklusiven Klassen keineswegs der Regelfall. „Deutschland, das im internationalen Vergleich im unteren Mittelfeld, liegt, muss mehr Geld für Bildung ausgeben“, betont Lürig.

Für Alfred Beyer, der 1971 ein Bein an den Knochenkrebs verlor und sich seit fast 40 Jahren im integrativen Behinderten- und Rehabilitationssport engagiert, steht fest: „Es gibt keine Behinderten, sondern nur Benachteiligte.“

Aus seiner Sicht sind es 1000 Kleinigkeiten, die Menschen mit Handicap behindern. „Nach der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen sollten alle amtlichen Briefe und Publikationen mindestens in einer Zwölf-Punkt-Schrift gedruckt sein, weil Kleingedrucktes Menschen mit einer Sehbehinderung benachteiligt“, nennt er ein Beispiel für die Hürden im Alltag.

Ebenso ärgert es ihn, wenn die in der Stadt vorhandenen taktilen Leitlinien durch Geschäftsauslagen, Verkaufsstände, parkende Autos oder Bistro-Garnituren zugestellt werden und blinden Menschen damit die Orientierung geraubt wird. Das gelte auch für Blinde und Sehbehinderte, die darauf angewiesen seien, dass Haltestellen in Bus und Bahn nicht nur angezeigt, sondern auch angesagt werden. Und auch, wenn es seit 1992 eine Checkliste für barrierefreies Bauen gebe, so Beyer, müsse er auch heute noch so manchen Architekten davon überzeugen, dass so manche Stufe überflüssig und so manche Tür zu schmal sei.

Dieser Text erschien am 3. Dezember 2015 in der NRZ und in der WAZ

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