Samstag, 19. Dezember 2015

Das Gemeindeleben wird sich radikal verändern“ Der Pfarrer von St. Barbara geht davon aus, dass seine Pfarrei mittelfristig mit der Nachbar-Pfarrei St. Mariae Geburt fusionieren wird

Manfred von Schwartzenberg
Bei der Gemeindeumstrukturierung des Jahres 2006 konnte Manfred von Schwartzenberg als Stadtdechant dafür sorgen, dass die 169.000-Einwohner-Stadt an der Ruhr nicht nur zwei, sondern drei Pfarrgemeinden behalten konnte. Warum sieht er jetzt die langfristige Perspektive der Stadtkirche in einer zentralen Pfarrgemeinde? Das Neue Ruhrwort fragte nach.

??? 2019 werden Sie 75 Jahre alt. Dann gehen Sie nach 27 Jahren als Pfarrer von St. Barbara in Pension. Was passiert dann?

!!! Der akute Priestermangel, die demografische Entwicklung und der langfristige Rückgang der Kirchensteuereinnahmen ist bekannt. Ich gehe davon aus, dass es 2019 nur noch einen Pastor, aber keinen Pfarrer von St. Barbara geben wird.

??? Muss das denn sein? Ihre Pfarrgemeinde hat ein lebendiges Vereins- und Verbandswesen und viele ehrenamtlich engagierte Katholiken.

!!! Es stimmt. St. Barbara ist mit etwa 19.000 Gemeindemitgliedern die größte Pfarrei der Stadt. Aber die demografische Entwicklung ist eindeutig. In den letzten 15 Jahren hat die heute noch etwa 51.000 Katholiken zählende Stadtkirche mehr als 10.000 Mitglieder durch Tod oder Austritt verloren. Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass katholische Familien heute zu wenige Kinder und noch weniger Priester produzieren. Das hat meiner Ansicht nach weniger mit dem Pflichtzölibat oder damit zu tun, dass Frauen nicht zum Priesteramt zugelassen werden. Der eigentliche Grund ist eine Glaubenserosion. In den Familien wird der Glaube heute nicht mehr selbstverständlich vorgelebt und weitergegeben. Heute gehen gerade noch rund 6 Prozent der Katholiken regelmäßig in die Heilige Messe. Und 2030 werden es vielleicht nur noch ein Prozent sein.

??? Das hört sich nach dem Untergang des christlichen Abendlandes an.

!!! Nein, das zeigt nur, dass wir keine Volkskirche, sondern eine Kirche im Volk sind, die in Zukunft noch mehr auf ehrenamtlich engagierte Laien angewiesen sein wird, die bereit sind, nicht nur organisatorische, sondern auch seelsorgerische Aufgaben zu übernehmen. Es gibt diese Leute heute schon, aber sie müssen ihre Begabungen auch entdecken und von der Kirche geschult werden.

??? Sehen Sie in der Krise auch eine Chance für die Kirche?

!!! Auf jeden Fall. Wir werden in Zukunft weniger Taufschein-Katholiken haben. Die ökumenische Zusammenarbeit verstärken und ganz neue Formen des Gemeindelebens entwickeln. Wir werden vielleicht Kirchen abreißen müssen, die in der Unterhaltung nicht mehr finanzierbar und für die kleine Schar der Gläubigen zu groß geworden sind. Gleichzeitig werden wir vielleicht Kirchen zusammen mit unseren evangelischen Mitchristen teilen. Das kann auch für Gemeindezentren gelten, in denen man nicht nur Gottesdienste feiern, sondern auch gemeinsame Veranstaltungen über die Bühne gehen lassen kann. Und auch Hausmessen, zu denen Familien ihre Nachbarn aus der Gemeinde einladen, sind gut denkbar. Ganz wichtig ist und bleibt für mich eine professionelle und hauptamtliche Kirchenmusik, weil sie sehr viele Menschen anspricht und verbindet.


Dieser Text erschien am 12. Dezember 2015 im Neuen Ruhrwort

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