Direkt zum Hauptbereich

Als die Mülheimer den ersten Landtag wählten Die Überwindung von Hunger und Not standen im Mittelpunkt des ersten Landtagswahlkampfes

Heinrich Bruckhoff
Archivfoto: SPD
20. April 1947: 93 000 Mülheimer sind aufgerufen, den ersten Landtag Nordrhein-Westfalens zu wählen. 64 Prozent von ihnen negmen ihr Wahlrecht wahr, zwei Prozent mehr als bei der Landtagswahl 2012. Die Schlagzeilen der Lokalpresse zeigen, worum es bei dieser Wahl geht: „Ernährungslage ist immer noch angespannt - Reichen die Kartoffeln bis zur neuen Ernte?“ - „In der Osterwoche gab es nur 300 Kalorien“ oder: „Weiterer Brotausfall unvermeidlich: Nur drei Pfund Brot in der vierten Woche.“ ist da zu lesen.

Während Sozial- und Christdemokraten im Wahlkampf, angesichts der Not, die Sozialisierung der Schlüssel-Industrien fordern, plädiert die FDP für eine freie Marktwirtschaft.
Die SPD appelliert an die Wähler: „Bewahrt auch trotz großer Not die klare Überlegung, damit nicht noch einmal ein nicht wieder gut zu machender Fehler gemacht wird.“ Und in einem Aufruf der CDU heißt es: „Jede nicht abgegebene Stimme vergrößert Zersetzung und Auflösung. Der Dammbruch kann nur durch Menschen gebändigt werden, die furchtlos und treu auf den bedrohten Dämmen stehen.“
Wilhelm Dörnhaus
Foto: Stadtarchiv
Mülheim

Das Ende der Nazi-Diktatur und des Zweiten Weltkrieges liegt gerade mal zwei Jahre zurück. Jetzt gerät Deutschland im Fahrwasser des Ost-West-Konfliktes zwischen den USA und der Sowjetunion in eine Zerreißprobe. Anders, als bei den Kommunalwahlen im Oktober 1946, haben bei der ersten Landtagswahl in Mülheim die Sozialdemokraten die Nase vorn. Sie erringen stadtweit 33 Prozent der Stimmen. Ihr Kandidat, der Gewerkschafter und Fraktionschef im Rat, Heinrich Bruckhoff, zieht ebenso in den Landtag ein, wie der von der CDU aufgestellte ehemalige Düsseldorfer Oberbürgermeister Robert Lehr und der von der FDP nominierte Betriebswirt Wilhelm Dörnhaus. Die CDU erreicht stadtweit 29, die KPD 18- und die FDP 12 Prozent.
Während die Sozialdemokraten im Nord-Bezirk der Stadt eine deutliche Mehrheit erzielen, haben die Christdemokraten mit Lehr im Süd-Bezirk die Nase vorne. Der Jurist Lehr wird 1949 in den Bundestag gewählt und übernimmt in der ersten Bundesregierung unter Kanzler Konrad Adenauer das Amt des Bundesinnenministers.

Der FDP-Partei- und Fraktionsvorsitzende Wilhelm Dörnhaus zieht über die Landesliste seine Partei in den Landtag ein und wird später auch Mülheimer Bürgermeister.

Dieser Text erschien am 20. April 2017 in NRZ und WAZ

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Am liebsten hört sie Radio: Margarete Sonnenschein feierte jetzt ihren 100. Geburtstag

"Wie alt bin ich jetzt? 100?!“ fragt Margarete Sonnenschein, während sie mit ihren Mitbewohnerinnen in der Villa Nestor bei Kaffee und Kuchen ihren dreistelligen Geburtstag feiert. 

Seit zehn Jahren lebt sie  in einer Wohngemeinschaft, die von den Pflegepartnern betreut wird. Weil sie aufgrund einer Makuladegeneration nicht mehr sehen kann, hört sie am liebsten Radio. Besonders bedauert sie es, dass ihr Lieblingsmoderator Jürgen Domian nicht mehr auf Sendung ist. Seine seelsorgerischen Gespräche mit Menschen in unterschiedlichsten und schwierigsten Lebenslagen hat die ehemalige Bibliothekarin und Buchhändlern immer besonders gerne gehört. Deshalb freut sich Sonnenschein darüber, dass ihr Pflegedienstleiterin Karin Eberlein und ihre Mitbewohnerinnen eine CD-Sammlung mit Domians besten Gesprächen geschenkt haben.

Schwere Zeiten kennt die Dame, die zweimal verheiratet war und vor 35 Jahren ihren einzigen Sohn begraben musste, nur zu gut.

Noch im Ersten Weltkrieg geboren, musste sie die…

Suchtfaktor Karneval

Sie ist die jüngste der 13 Mülheimer Karnevalsgesellschaften, die KG Aunes Ees. Zwölf Karnevalsfreunde aus der damals aufgelösten KG Düse formierten sich im Juli 2017 zur neuen KG Aunes Ees. „Aunes Ees ist mölmsch Platt und bedeutet anders als, weil wir anders sind als viele andere Karnevalsgesellschaften“, erklärt der Vorsitzende der neuen Gesellschaft Jörg Schwebig die Namenswahl.
Anders als die anderen mölmschen Gesellschaften, gibt es bei Aunes Ees neben einer Aktivengarde auch eine integrative Garde, in der Menschen mit und ohne Handicap ihren Spaß am Tanz gemeinsam auf die Bühne bringen. Dass es dazu kam, hat mit Schwebigs Bruder Frank und seiner Schwägerin Vivian zu tun, Sie sind Eltern einer behinderten Tochter, die in einer integrativen Tanzgarde einer Duisburger Gesellschaft aktiv war. Doch das Mädchen und seine Gardekolleginnen fühlten sich ihrer bisherigen Gesellschaft nicht mehr gut aufgehoben und wechselten deshalb 2017 geschlossen in die neue Mülheimer Karnevalsgesellsch…

Welche Chancen haben Förderschüler auf dem Arbeitsmarkt? Die gute Nachricht lautet: Zeugnisse und Noten sind eben nicht alles, wenn es um den Einstieg in den Beruf geht

„Alles wird gut.“ So steht es auf einer Holzskulptur, die der Geschäftsführer der Berufsbildungswerkstatt (BBWe), Thomas Aring, von Lehrgangsteilnehmern aus dem Berufsfeld Farbe und Raumgestaltung zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. Gilt das auch für Förderschüler, wenn sie ihren geschützten Lernraum verlassen und auf dem Arbeitsmarkt einen Ausbildungsplatz suchen? Aring schätzt, dass aktuell rund 20 Prozent seiner insgesamt 500 Lehrgangsteilnehmer von der Förderschule kommen. Sie alle konnten nach der Schule keinen Ausbildungsplatz bekommen und trainieren jetzt im Rahmen eines Berufsvorbereitsungsjahres oder eines Werkstattjahres für den ersten Ausbildungsmarkt.


„Viele, die zu uns kommen, erleben im ersten halben Jahr einen richtigen Entwicklungsschub und sind dann auch besonders motiviert“, berichtet Aring. Wie es im optimalen Fall laufen kann, zeigen die 17-jährige Katharina Schaefer und der 19-jährige Patrick Hoppe. Beide haben eine Mülheimer Förderschule für Lernbehinderte bes…