Direkt zum Hauptbereich

Handwerker mit Herz: Früher arbeitete Udo Marchefka als Zimmermann und Dachdecker auf privaten Baustellen: Heute ist er als Sozialbetreuer Vorarbeiter in einem Quartier, in dem das Leben eine permanente Baustelle ist

Udo Marchefka an einem der Fahrzeuge des Nachbarschaftsvereins
Morgens, kurz vor Acht. Udo Marchefka geht in seinem kleinen Büro, das er sich mit der Verwaltungskraft Birgit Geiger teilt, die Aufträge durch, die heute anstehen. Um ihn herum haben sich einige Mitarbeiter versammelt. Der prall gefüllte Aktencontainer neben seinem Schreibtisch verrät, dass hier einiges gemanagt werden muss. Die Szenerie erinnert an die Morgenbesprechung eines Familienunternehmens. Und das ist auch gar nicht so falsch. Denn der 1975 gegründete Nachbarschaftsverein Augusta- und Gustavstraße, hat als Unternehmen in Sachen Gemeinsinn etwas von einer großen Familie. „Wir kennen hier in Styrum alle und alle kennen uns“, beschreibt der 49-jährige Familienvater Marchefka das wichtigste Kapital des NBVs, das er in über 40 Jahren durch seine unterschiedlichsten sozialen Aktivitäten erworben hat: seine Vernetzung im Stadtteil und sein Vertrauen.

An diesem Morgen geht es um ein Kernangebot des Vereins, seinen Fahr- und Begleitdienst. 15 Aufträge liegen auf dem Tisch. „Unsere Kunden sind Menschen, die hier im Umfeld der Augustastraße und Gustav-straße leben, und zum Beispiel zum Arzt, zum Einkauf oder zur Tagespflege begleitet werden müssen“, erzählt Marchefka.

Es sind meistens alte Menschen, die von Grundsicherung leben müssen und kein Geld für ein Taxi übrig haben. Aber die drei Euro, mit denen der von Stadt, Mitgliedsbeiträgen und Spenden finanzierte Nachbarschaftsverein sie ans Ziel bringt, können sie sich gerade noch leisten.

„Vor einiger Zeit habe ich eine im Rollstuhl sitzende Dame ins Krankenhaus gebracht, wo sie ihren Mann besuchen wollte. Kaum waren wir später bei ihr zu Hause, da rief die Klinik an und teilte ihr mit, dass ihr Mann gestorben sei“, schildert Marchefka eine von vielen Situationen, die er in seinem Alltag als städtischer Sozialbetreuer im Norden Styrums und die ihn immer wieder berühren. Die ihm aber auch zeigen, wofür er und seine haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter hier an der Augustastraße oder auch in der Seniorentagesstätte im Schloss Styrum arbeiten.

Er weiß, wie es sich am Rande und auf den Schattenseiten unserer Wohlstands,- Konsum- und Leistungsgesellschaft lebt, wenn eine Familie viele Kinder, aber wenig Geld in der Haushaltskasse hat und wenn es nach einem harten Arbeitsleben für wenig Lohn am Lebensabend noch nicht mal für eine existenzsicherende Rente reicht, zumal, wenn im Alter Krankheit und Behinderung dazu kommen.

Um sie kümmern sich Marchefka und seine Mitstreiter, zehn Stadtarbeiter, die aus der Langzeitarbeitslosigkeit kommen und von der Sozialagentur finanziert werden sowie 15 ehrenamtliche Helfer.

Gemeinsam mit ihnen verwandelt er die Schattenseiten am Existenzminimum zumindest zeitweise in Sonnenseiten. Wie geht das? „Kannst du mir zu Hause eine Lampe aufhängen?“ „Könnt ihr mir daheim eine Wand streichen?“ Keine Frage für den gelernten Zimmermann und Dachdecker, der seit 2003 als Sozialbetreuer im Dienste der Stadt Nachbarschafts- und Sozialarbeit leistet.

Das tut der vor Ort wohnende und mit sechs Geschwistern aufgewachsene Marchefka auch, wenn er mit seinen Mitstreitern den Jugendtreff oder den Dartclub an der Augustastraße öffnet, wenn Kinder aus sogenannten bildungsfernen Familien mit einer Hausaufgabenbetreuung eine echte Bildungschance bekommen und wenn Marchefka und Kollegen Senioren zu Kaffee, Kuchen und Tanztee ins Schloss Styrum einladen. Dann sorgen er und seine hilfreichen Geister dafür, dass niemand allein bleiben muss, weil sein Geldbeutel nicht voll genug ist.

Dass Marchefka, tatkräftig und einfühlsam, seine Arbeit tun kann, wie er sie leistet, hat mit seiner Biografie zu tun.

„Das war hier früher sehr chaotisch“, erinnert sich Marchefka an seine Kindheit und Jugend im Viertel. Damals flogen hier regelmäßig die Fäuste. Doch dann kamen Sozialwissenschaftsstudenten, einer von ihnen war der heutige Sozialdezernent Ulrich Ernst und der 2011 verstorbene Erich Schäfer, der damals ein Kiosk im Quartier betrieb, auf die Idee, einen Nachbarschaftsverein ins Leben zu rufen, der dafür sorgte, dass den Kindern und Jugendlichen mehr einfiel, als auf der Straße herumzuhängen und auf dumme Ideen zu kommen.

Hausaufgabenhilfe, Freizeitangebote, Ferienfreizeiten, Bewerbungstraining im Jugendtreff. Das alles wurde damals, auch mit Unterstützung des Diakonischen Werkes und der Leonhard-Stinnes-Stiftung, aufgebaut. „Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, wenn ich damals nicht Leute, wie Erich Schäfer und Ulrich Ernst getroffen hätte. Und deshalb will ich alles dafür tun, dass das, was hier erreicht worden ist, nicht kaputt geht und weiter wirkt“, sagt Udo Marchefka, bevor er sich in seinem kleinem Büro an der Augustastraße 190 mit einer ehrenamtlichen Helferin Gedanken darüber macht, wie die brachliegende Internetseite des Nachbarschaftsvereins wiederbelebt werden kann.


Dieser Text erschien am 1. April 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Am liebsten hört sie Radio: Margarete Sonnenschein feierte jetzt ihren 100. Geburtstag

"Wie alt bin ich jetzt? 100?!“ fragt Margarete Sonnenschein, während sie mit ihren Mitbewohnerinnen in der Villa Nestor bei Kaffee und Kuchen ihren dreistelligen Geburtstag feiert. 

Seit zehn Jahren lebt sie  in einer Wohngemeinschaft, die von den Pflegepartnern betreut wird. Weil sie aufgrund einer Makuladegeneration nicht mehr sehen kann, hört sie am liebsten Radio. Besonders bedauert sie es, dass ihr Lieblingsmoderator Jürgen Domian nicht mehr auf Sendung ist. Seine seelsorgerischen Gespräche mit Menschen in unterschiedlichsten und schwierigsten Lebenslagen hat die ehemalige Bibliothekarin und Buchhändlern immer besonders gerne gehört. Deshalb freut sich Sonnenschein darüber, dass ihr Pflegedienstleiterin Karin Eberlein und ihre Mitbewohnerinnen eine CD-Sammlung mit Domians besten Gesprächen geschenkt haben.

Schwere Zeiten kennt die Dame, die zweimal verheiratet war und vor 35 Jahren ihren einzigen Sohn begraben musste, nur zu gut.

Noch im Ersten Weltkrieg geboren, musste sie die…

Suchtfaktor Karneval

Sie ist die jüngste der 13 Mülheimer Karnevalsgesellschaften, die KG Aunes Ees. Zwölf Karnevalsfreunde aus der damals aufgelösten KG Düse formierten sich im Juli 2017 zur neuen KG Aunes Ees. „Aunes Ees ist mölmsch Platt und bedeutet anders als, weil wir anders sind als viele andere Karnevalsgesellschaften“, erklärt der Vorsitzende der neuen Gesellschaft Jörg Schwebig die Namenswahl.
Anders als die anderen mölmschen Gesellschaften, gibt es bei Aunes Ees neben einer Aktivengarde auch eine integrative Garde, in der Menschen mit und ohne Handicap ihren Spaß am Tanz gemeinsam auf die Bühne bringen. Dass es dazu kam, hat mit Schwebigs Bruder Frank und seiner Schwägerin Vivian zu tun, Sie sind Eltern einer behinderten Tochter, die in einer integrativen Tanzgarde einer Duisburger Gesellschaft aktiv war. Doch das Mädchen und seine Gardekolleginnen fühlten sich ihrer bisherigen Gesellschaft nicht mehr gut aufgehoben und wechselten deshalb 2017 geschlossen in die neue Mülheimer Karnevalsgesellsch…

Welche Chancen haben Förderschüler auf dem Arbeitsmarkt? Die gute Nachricht lautet: Zeugnisse und Noten sind eben nicht alles, wenn es um den Einstieg in den Beruf geht

„Alles wird gut.“ So steht es auf einer Holzskulptur, die der Geschäftsführer der Berufsbildungswerkstatt (BBWe), Thomas Aring, von Lehrgangsteilnehmern aus dem Berufsfeld Farbe und Raumgestaltung zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. Gilt das auch für Förderschüler, wenn sie ihren geschützten Lernraum verlassen und auf dem Arbeitsmarkt einen Ausbildungsplatz suchen? Aring schätzt, dass aktuell rund 20 Prozent seiner insgesamt 500 Lehrgangsteilnehmer von der Förderschule kommen. Sie alle konnten nach der Schule keinen Ausbildungsplatz bekommen und trainieren jetzt im Rahmen eines Berufsvorbereitsungsjahres oder eines Werkstattjahres für den ersten Ausbildungsmarkt.


„Viele, die zu uns kommen, erleben im ersten halben Jahr einen richtigen Entwicklungsschub und sind dann auch besonders motiviert“, berichtet Aring. Wie es im optimalen Fall laufen kann, zeigen die 17-jährige Katharina Schaefer und der 19-jährige Patrick Hoppe. Beide haben eine Mülheimer Förderschule für Lernbehinderte bes…