Direkt zum Hauptbereich

Ein deutliches Bekenntnis zu Europa „Pulse of Europe“ lautet das Demonstrations-Motto in immer mehr Städten. Drei Mülheimer engagieren sich

Gerd Rudolph

Peter Brill

Ulrich Beul
Der Kultur- und Veranstaltungsmacher Gert Rudolph, der pensionierte Awo-Familienberater Peter Brill und der Siemens-Ingenieur Ulrich Beul sind keine Demonstrationsgänger. Doch das Thema Europa und die Zukunft der Europäischen Union bewegt sie dazu, sonntags um 14 Uhr auf die Straße zu gehen, um zu zeigen, dass viele Menschen auch in Zeiten des Nationalismus und des Populismus für Europa und die Europäische Union einstehen.

Sie sind nicht alleine, sondern Teil einer immer größeren Bewegung, die unter dem Namen „Pulse of Euro“ inzwischen in rund 60 Städten des europäischen Kontinents für die in diesen Tagen 60 Jahre alt werdende EU auf die Straße geht.

„Die Idee von Pulse of Europe ist, den Puls Europas wieder stärker schlagen zu lassen und die leider oft schweigende Mehrheit für ein gemeinsames Europa auf die Straße zu bringen“, erklärt Ulrich Beul. Der 41-Jährige gehört, wie Gert Rudolph, zum Organisationsteam der Essener Pulse-of-Europe-Kundgebung auf dem Hirschlandplatz, der auch von Mülheim aus problemlos mit der U18 in 20 Minuten erreichbar ist.

„Die Teilnehmerzahl der seit dem 19. Februar stattfindenden Kundgebung reichte bisher von 130 bis 600 Teilnehmern, wobei ich schätze, dass vielleicht 30 oder 40 davon aus Mülheim kamen“, erzählt Gert Rudolph.

Für alle drei waren der Brexit und die Wahl Donald Trumps zum US-Präsident ihr Schlüsselerlebnis dafür, „dass wir“, wie Peter Brill es formuliert, „in Europa wach werden müssen und nicht resignieren dürfen, wenn uns Freiheit, Demokratie und Frieden im gemeinsamen Europa lieb sind.“ Auch Gert Rudolph meint: „Gerade in Zeiten wie diesen, in denen die rechtsextreme Marine Le Pen hoffentlich nicht zur französischen Präsidentin gewählt wird, muss man ein öffentliches Zeichen gegen Nationalisten und Populisten setzen, die die EU zu Unrecht für alles und jedes verantwortlich machen.“

Ulrich Beul räumt ein, „dass die EU reformbedürftig ist, wenn es um Demokratie, Bürgernähe, Transparenz und Dynamik der politischen Entscheidungen geht.“ Doch der Ingenieur, der sich auch in der überparteilichen Europa-Union engagiert, will die EU weder als Binnenmarkt, noch als gemeinsamen Währungsraum und als Hort von Freiheit und Demokratie missen. „Als eine Gemeinschaft von 500 Millionen Menschen ist man eine Hausnummer in der Welt, als ein Volk mit 82 Millionen Menschen nicht“, unterstreicht Beul.

Peter Brill, der das Reisen durch ein grenzenloses Europa mit einer gemeinsamen Währung schätzt, glaubt dass das demokratische, friedliche und freie Europa „heute wichtiger, denn je ist, weil wir um uns herum immer mehr Kriege und diktaturähnliche Staaten sehen.“

Für Gert Rudolph „brauchen wir Europa, um gemeinsame Standards zu bekommen, die für mehr wirtschaftliche und soziale Leistungsfähigkeit und Gerechtigkeit sorgen.“ Für Beul stehen, 60 Jahre nach den Römischen Gründungsverträgen der damaligen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, vor allem Freihandel und eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik auf der EU-Agenda. Peter Brill fährt gerne sonntags zum Hirschlandplatz, um dort „nicht gegen etwas, sondern für etwas zu demonstrieren, das niemanden ausgrenzt, sondern Menschen einlädt.“

Auch Gert Rudolph erlebt die Essener Pulse-of-Europe-Veranstaltungen mit Live-Musik, dem gemeinsamen Singen der Europa-Hymne und einem offenen Mikrofon als entspannt. „Auch Menschen, die nur vorbeikommen, bleiben stehen und hören zu“, berichtet er. Nachhaltig beeindruckt sind Brill, Rudolph und Beul von Stellungnahmen, die Menschen aller Generationen bei dieser Gelegenheit ins offene Mikrofon sprechen: „Ich möchte mich nicht eines Tages von meinen Kindern fragen lassen, was hast du getan, um die Europäische Union zu erhalten?“ zitiert Rudolph einen jungen Familienvater. Unvergessen ist ihm auch die Aussage einer alten Dame: „Ich habe den Zweiten Weltkrieg miterlebt. Deshalb weiß ich, wie wichtig die Europäische Union ist, die nicht umsonst mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden ist, weil ich weiß, wie es ist, wenn die Länder Europas nicht zusammenstehen, sondern sich bekämpfen.“ Sie wünschen sich noch mehr junge Mitstreiter für die EU.


Dieser Text erschien am 23. März 2017 in NRZ/WAZ

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Am liebsten hört sie Radio: Margarete Sonnenschein feierte jetzt ihren 100. Geburtstag

"Wie alt bin ich jetzt? 100?!“ fragt Margarete Sonnenschein, während sie mit ihren Mitbewohnerinnen in der Villa Nestor bei Kaffee und Kuchen ihren dreistelligen Geburtstag feiert. 

Seit zehn Jahren lebt sie  in einer Wohngemeinschaft, die von den Pflegepartnern betreut wird. Weil sie aufgrund einer Makuladegeneration nicht mehr sehen kann, hört sie am liebsten Radio. Besonders bedauert sie es, dass ihr Lieblingsmoderator Jürgen Domian nicht mehr auf Sendung ist. Seine seelsorgerischen Gespräche mit Menschen in unterschiedlichsten und schwierigsten Lebenslagen hat die ehemalige Bibliothekarin und Buchhändlern immer besonders gerne gehört. Deshalb freut sich Sonnenschein darüber, dass ihr Pflegedienstleiterin Karin Eberlein und ihre Mitbewohnerinnen eine CD-Sammlung mit Domians besten Gesprächen geschenkt haben.

Schwere Zeiten kennt die Dame, die zweimal verheiratet war und vor 35 Jahren ihren einzigen Sohn begraben musste, nur zu gut.

Noch im Ersten Weltkrieg geboren, musste sie die…

Suchtfaktor Karneval

Sie ist die jüngste der 13 Mülheimer Karnevalsgesellschaften, die KG Aunes Ees. Zwölf Karnevalsfreunde aus der damals aufgelösten KG Düse formierten sich im Juli 2017 zur neuen KG Aunes Ees. „Aunes Ees ist mölmsch Platt und bedeutet anders als, weil wir anders sind als viele andere Karnevalsgesellschaften“, erklärt der Vorsitzende der neuen Gesellschaft Jörg Schwebig die Namenswahl.
Anders als die anderen mölmschen Gesellschaften, gibt es bei Aunes Ees neben einer Aktivengarde auch eine integrative Garde, in der Menschen mit und ohne Handicap ihren Spaß am Tanz gemeinsam auf die Bühne bringen. Dass es dazu kam, hat mit Schwebigs Bruder Frank und seiner Schwägerin Vivian zu tun, Sie sind Eltern einer behinderten Tochter, die in einer integrativen Tanzgarde einer Duisburger Gesellschaft aktiv war. Doch das Mädchen und seine Gardekolleginnen fühlten sich ihrer bisherigen Gesellschaft nicht mehr gut aufgehoben und wechselten deshalb 2017 geschlossen in die neue Mülheimer Karnevalsgesellsch…

Welche Chancen haben Förderschüler auf dem Arbeitsmarkt? Die gute Nachricht lautet: Zeugnisse und Noten sind eben nicht alles, wenn es um den Einstieg in den Beruf geht

„Alles wird gut.“ So steht es auf einer Holzskulptur, die der Geschäftsführer der Berufsbildungswerkstatt (BBWe), Thomas Aring, von Lehrgangsteilnehmern aus dem Berufsfeld Farbe und Raumgestaltung zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. Gilt das auch für Förderschüler, wenn sie ihren geschützten Lernraum verlassen und auf dem Arbeitsmarkt einen Ausbildungsplatz suchen? Aring schätzt, dass aktuell rund 20 Prozent seiner insgesamt 500 Lehrgangsteilnehmer von der Förderschule kommen. Sie alle konnten nach der Schule keinen Ausbildungsplatz bekommen und trainieren jetzt im Rahmen eines Berufsvorbereitsungsjahres oder eines Werkstattjahres für den ersten Ausbildungsmarkt.


„Viele, die zu uns kommen, erleben im ersten halben Jahr einen richtigen Entwicklungsschub und sind dann auch besonders motiviert“, berichtet Aring. Wie es im optimalen Fall laufen kann, zeigen die 17-jährige Katharina Schaefer und der 19-jährige Patrick Hoppe. Beide haben eine Mülheimer Förderschule für Lernbehinderte bes…