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Herr Fleischmann mag es vegetarisch: Der Bio-Caterer aus Broich ist von seinem gesunden Ernährungsangebot überzeugt, aber ewig lockt die Currywurst die eher fleischeslustigen Kunden

Bio-Caterer Andreas Fleischmann bei der Arbeit
Früher arbeitete Andreas Fleischmann  als Wirtschaftsinformatiker in der Aldi-Hauptverwaltung an der Mintarder Straße 40. Heute steht er dort dienstags, zwischen 10 Uhr und 13.30 Uhr mit seinem Imbiss-Wagen und bietet seinen ehemaligen Kollegen einen mobilen Mittagstisch an.

Wer Lust auf Pommes, Currywurst und Pizza hat, wird bei Andreas Fleischmann nicht glücklich. Wer es etwas gesünder und natürlicher mag, kommt bei dem 33-Jährigen Bio-Caterer voll auf seine Kosten.

Auf seiner Speisekarte, die er mit grüner, roter und weißer Kreide auf eine Tafel geschrieben hat, stehen Gerichte, wie zum Beispiel sämige Smoothies aus Mango, Apfel, Banane, Zitronen, Spinat, Datteln und Ingwer, eine Linsensprossen-Bolognese oder ein Thai-Curry-Eintopf , Kartoffeln und Kichererbsen, Chilli con carne mit Rindfleisch aus ökologischer und tiergerechter Rinderzucht, jeweils mit  Basmatireis. Oder auch ein gemischter Salat mit Blattsalat, Hirsesalat, Paprika, Olivenöl und Kräutern.

Früher beschäftigte sich der Mittdreißiger aus Broich vor allem mit Zahlenkolonnen in seinem Computer. Doch 2011 kam die Wende, als auch manches andere in seinem Leben im Umbruch war. Er beschäftigte sich mit gesunder Ernährung und mit der Frage, „ob ich mein ganzes Leben hinter dem Schreibtisch meines Büros verbringen will oder etwas Sinnvolleres mit meinen Händen tue, das Menschen  gut tut“. Es fing mit einer Internetrecherche an. Andreas Fleischmann wollte wissen, wie man selbst Soja-Milch herstellen kann. Dabei stieß er unter anderem auf Hochleistungsmixer, mit denen er heute seine Smoothies herstellt. Auf den Laien wirken sie wie ein bevorzugt grüner Gemüsesaft. „Doch er ist mehr als das, weil alle Bestandteile der Lebensmittel verarbeitet werden und so nicht nur die Vitamine und Spurenelemente, sondern auch die für den Körper notwendigen und besonders nährwertigen Ballast- und Faserstoffe erhalten bleiben. Sie können so unter anderem die Verdauung fördern,“ erklärt Fleischmann den Mehrwert der Smoothies.

Was ihm selbst gut tut und dazu führt, „dass ich seltener krank und insgesamt  vitaler bin“, bietet er seit 2014 seinen Kunden an. Die trifft er nicht nur dienstags auf dem Aldi-Park-Platz an der Mintarder Straße, mittwochs zur gleichen Zeit auf dem Aldi-Park-Platz an der Oberen Saarlandstraße 2 und samstags von 9 bis 15 Uhr auf dem Saarner Pastor-Luhr-Platz, sondern auch bei Musikfestivals, Festen oder zuletzt bei der Eröffnung der neuen Geschäftsstelle der Mülheimer Klimaschutzinitiative und des Agendabüros am Löhberg.

„Es ist schwer gegen die Pommes-und-Currywurst-Mentalität anzukämpfen, aber ich gebe mir Zeit und probiere immer wieder verschiedene Sachen aus, um herauszufinden, was bei den Kunden besonders gut ankommt“, sagt Fleischmann.
2014 wagte der alleinerziehende Vater eines siebenjährigen Sohnes den Sprung ins kalte Wasser. Er investierte 5000 Euro in die Anschaffung seines Imbisswagens und der dazugehörigen  gastronomischen Grundausstattung.

Schnell hat der ehemalige Büromensch mit geregeltem Einkommen und geregelten Achtstundentagen gemerkt, dass er als Kleinunternehmer in Sachen gesundes Essen (neudeutsch: Vital Food) zwar sein eigener Chef ist und selbst über seine Zeit bestimmen kann, aber „selbst und ständig aktiv sein muss“, ohne am Tagesbeginn zu wissen, ob am Tagesende die Kasse stimmt. 
Mit diesem wettertechnisch suboptimalen Dienstag auf dem Saarner Aldi-Parkplatz ist Fleischmann jedenfalls auch umsatztechnisch nicht zufrieden. Zwölf Aldi-Mitarbeiterinnen und drei -Mitarbeiter sowie eine Stammkundin aus einer nahegelegenen Steuer-Kanzlei haben sich von Fleischmann gesund und lecker ernähren lassen, „weil das eine gesunde Abwechslung auf dem Speiseplan ist“, „weil es einfach schmeckt und gut tut“ und: „weil Herr Fleischmann immer so freundlich ist“.

Aber als er nach drei Stunden auf dem Parkplatz seinen Imbisswagen abtakelt und seine am Morgen liebevoll geschnibbelten und in einer Gewerbeküche vorgekochten Köstlichkeiten wieder einpackt, sind seine Warmhaltetöpfe noch lange nicht leer.

„Was übrig bleibt, esse ich selbst oder gebe es an Freunde ab“, erzählt Fleischmann. Doch ein wirklich guter Tag ist für den selbstständigen Bio-Caterer nur ein Tag, an dem er seinem siebenjährigen Sohn Jurj, den er nachmittags aus der Offenen Ganztagsgrundschule abholt, erzählen kann: „Heute hat der Laden wieder gebrummt.“ Heute war kein solcher Tag. Höchste Zeit, um nach der Buchhaltungsarbeit am heimischen Schreibtisch beim Krafttraining oder beim Fußballspiel in einer Hobbymannschaft wieder aufzutanken. Aber morgen ist ja ein neuer Tag. Auch diesen Tag wird der ernährungsbewusste Andreas Fleischmann wieder mit einem gesunden Müsli-Frühstück und frischem Obst beginnen.

Dieser Text erschien am 17, Dezember 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung  

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