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Die Helden von der Müllabfuhr: Wie drei Mitarbeitr der Mülheimer Entsorgungsgesellschaft zu Lebensrettern wurden

Dennis Reichelt (links) und Bogdan Wilda
„Wir sind eigentlich ganz normale, durchschnittliche Menschen und nicht wirklich interessant“, sagen Bogdan Wilda und Dennis Reichelt über sich. Die Herrn von der Mülheimer Entsorgungsgesellschaft untertreiben. Denn sie gehören zu den Alltags-Helden des Jahres 2016. Das gilt auch für ihren derzeit kranken Kollegen, den MEG-Fahrer, Friedhelm Kuhles (61), dem sie auf diesem Wege gerne gute Besserung wünschen. Man merkt den beiden Müll-Ladern von der MEG an, dass sie ungern im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stehen.

Eigentlich wollen die beiden Müllmänner, die am 25. Mai 2016 durch ihr geistesgegenwärtiges Handeln einem vierjährigen Jungen das Leben gerettet haben, auch gar nichts über ihre Person erzählen.

Bogdan Wilda, 45 Jahre alt und ein Mann wie ein Kleiderschrank, kommt aus Polen. Dort hat er als Elektriker gearbeitet. Eines Tages kam er auf die Idee, als Pilger auf den Jakobsweg nach Santiago de Compostela zu gehen. Dort traf er die Frau fürs Leben. Und die wohnte in Mülheim. Nach einer längeren Fernbeziehung folgte Bogdan ihr an die Ruhr und fing im November 2014 bei der Mülheimer Müllabfuhr beruflich ganz neu an.

Inzwischen fühlt er sich, nicht nur seiner Frau wegen, in der grünen Stadt am Fluss sehr wohl und arbeitet, neben der Arbeit bei der MEG, täglich an seinen deutschen Sprachkenntnissen. Die seien noch sehr schlecht, meint er. Aber wer mit ihm spricht, staunt, wie schnell er die schwere deutsche Sprache gelernt hat.

Am 25. Mai 2016, kurz nach 13 Uhr, war er es, der den vierjährigen Eden auffing, der aus dem Fenster im zweiten Stock seines Elternhauses geklettert und etwa sieben Meter in die Tiefe gestürzt war.

Während Dennis Reichelt und Friedhelm Kuhles ins Haus gestürzt waren, um die Nachbarn zu alarmieren und in die betreffende Wohnung hineinzukommen, stand Bogdan Wilda goldrichtig, um den kleinen Eden aufzufangen. „Alles gut?“, habe ich den Jungen gefragt, „Alles gut, hat der Junge gesagt!“ erinnert sich Wilda an den Moment, als er zum Lebensretter wurde.

„Der Notarzt, der den Jungen nach dem Unfall untersucht hat, hat uns bestätigt, dass wir das Schlimmste verhindert haben. Denn wenn der Junge rückwärts und ungebremst auf die Betonplatten des Bürgersteiges an der Aktienstraße gefallen wäre, hätte weiß Gott was passieren können, was wir uns gar nicht ausmalen wollen“, erinnert sich Dennis Reichelt.

Noch heute erscheint dem 37-jährigen Familienvater und Schalke-Fan, der seit 2010 als Mülllader bei der MEG arbeitet, dieser denkwürdige 25. Mai wie ein Wunder. „Denn wir kamen an diesem Tag viel schneller mit unserer Müllabholung durch und wären normalerweise zu dieser Zeit noch gar nicht an dem Haus an der Aktienstraße gewesen. Hinzu kam, dass Bogdan an diesem Tag für einen erheblich schmächtigeren Kollegen eingesprungen war, der verschlafen hatte“, berichtet Reichelt.

Reichelt war es, der gerade noch rechtzeitig auf den Jungen aufmerksam wurde, der nur noch mit einem Arm am Fensterbrett hing und ihm zurief: „Hallo Feuerwehr!“ Die Müllmänner handelten sofort und so gut abgestimmt, als kämen sie von der Feuerwehr. „Wären wir nur etwas später gekommen, wäre es für den kleinen Eden zu spät gewesen“, lässt Reichelt die entscheidenden Augenblicke noch einmal Revue passieren.

Wir haben einfach nur so gehandelt, wie jeder normale Mensch in dieser Situation auch gehandelt hätte“, finden Wilda und Reichelt. Deshalb erstaunt es sie auch heute noch, dass ihre Tat am 25. Mai 2016 nicht nur lokal, sondern auch überregional ein so breites Echo gefunden hat. Am 25. Mai 2016 mussten sie und ihr Kollege Friedhelm Kuhles Überstunden machen. Denn nicht nur Edens überglückliche Eltern bedankten sich bei den Lebensrettern 1000 Mal. Auch Zeitungs,- Hörfunk- und Fernsehreportern mussten sie immer wieder die Geschichte erzählen, wie sie das Leben des kleinen Eden gerettet hatten. „Heute noch werden wir manchmal von Leuten auf der Straße angesprochen, die sich bei uns bedanken und wissen wollen, wie es war“, erzählen Reichelt und Wilda. Auch Oberbürgermeister Ulrich Scholten, der den drei Lebenrettern von der MEG als Dank für ihren Einsatz eine Urkunde überbrachte, ließ sich von ihnen den Hergang schildern.

Dennis Reichelt hat auch Verständnis für die Eltern des kleinen Edens, die sich der Verletzung ihrer Aufsichtspflicht schuldig gemacht haben. „Zunächst habe ich auch gedacht: Wie kann man nur. Aber der Vater musste arbeiten. Und die Mutter musste ihre kranke Tochter von der Schule abholen, als der damals ebenfalls kranke Eden in seinem Bett schlief“, versetzt sich der Müllwerker und Familienvater in die Ausnahmesituation, in der sich Edens Eltern damals befanden. „Die Eltern haben uns übrigens auch zum Essen eingeladen, aber irgendwie hatten wir bisher noch gar keine Zeit, ihre Einladung anzunehmen. Das sollten wir im neuen Jahr vielleicht mal nachholen“, sagt Lebensretter Bogdan Wilda.


Dieser Text erschien am 27. Dezember 2016 in der NRZ und in der WAZ

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