Montag, 5. Dezember 2016

Eine Frau teilt aus: DHL-Zustellerin Rebecca Kapelski und ihre 39 Mülheimer Kollegen verteilen vor Weihnachten täglich bis zu 9500 Pakete aus. An normalen Tagen sind es rund 7500: Online-Handel lässt Zustellzahlen steigen

Ein Blick auf den Artikel in der Mülheimer
NRZ-Lokalausgabe
Wer einen Menschen kennen lernen möchte, dem seine Arbeit offensichtlich Freude macht, sollte die DHL-Paketzustellerin Rebecca Kapelski auf ihrer Tour durch Winkhausen und Holthausen begleiten. Für jeden, den sie an der Haustür antrifft, hat die 26-Jährige ein freundliches Wort und ein bezauberndes Lächeln, das bei ihr kein bisschen aufgesetzt wirkt.

Die allermeisten Menschen in ihrem Paket-Revier kennt sie beim Namen. Kein Wunder, dass es ihr nicht schwerfällt, bei Bedarf auch einen Nachbarn zu finden, der die Paketsendung für den gerade abwesenden Empfänger entgegen nimmt. Dann muss dieser nicht den langen Weg zum Postbank-Center am Hauptbahnhof in die Stadt auf sich nehmen, um das Paket dort am nächsten Tag abzuholen.

Manchmal braucht Kapelski ihren Charme aber auch nicht bei Nachbarn spielen lassen, weil die Empfänger einen Ablagevertrag mit der DHL geschlossen hat. Dann weiß die Paketzustellerin, wo sie das Paket abzulegen hat, wenn der jeweilige Empfänger nicht zu Hause ist. Meistens handelt es sich um einen geschützten und nicht einsehbaren Platz auf dem Grundstück des jeweiligen Hauseigentümers.

Kapelski wirkt körperlich stabil, aber auch nicht gerade, wie die weibliche Antwort auf Arnold Schwarzenegger zu seinen besten Body-Builder-Zeiten. Dennoch hievt sie auch das schwere Paket mit der Aufschrift: „Vorsicht, Glas!“ gekonnt über die Straße und die Treppe hinauf bis zum Hauseingang. Schon das Zuschauen  verursacht Rückenschmerzen. Doch Kapelski geht mit Schwung an das nächste Paket heran. 150 bis 200 Pakete wollen zwischen 9 und 16 Uhr verteilt sein. Die junge Frau, die seit zwei Jahren als Paketzustellerin für die DHL arbeitet, hat einen schnellen Schritt.
Anfangs war es gewöhnungsbedürftig

Auch ihren bulligen Kastenwagen, der knapp 3,5 Tonnen Ladegewicht transportieren kann, steuert sie geschickt, durch die zum Teil engen und zugeparkten Straßen. „Das war anfangs aber schon gewöhnungsbedürftig“, gibt Kapelski zu. Wie man solch ein Spezialfahrzeug steuert und bei jedem Ein- und Ausstieg sachgerecht schließt, wie man Pakete hebt, ohne sich gleich das Kreuz zu ruinieren, wie man den kleinen Handscanner handhabt, der Empfänger-Unterschriften speichert oder Rechnungen und Benachrichtigungen für DHL-Kunden ausdruckt und was man als Paketzustellerin rechtlich darf und was nicht, hat sie  während einer zweijährigen Ausbildung gelernt.

Damals fuhr sie in dem Paketlieferwagen, den sie heute selbst steuert, als Auszubildende  auf dem Klappsitz mit, auf dem an diesem Tag ihr Begleiter von der NRZ Platz genommen hat.
„Ich mache meine Arbeit gerne, weil man sehr selbstständig arbeiten kann, viel an der frischen Luft unterwegs ist und viel mit Leuten zu tun hat“, sagt Kapelski, die als Paket-Zustellerin mit einem monatlichen Netto-Gehalt von 1400 Euro nach Hause kommt, wo ihr Hund, ihr Freund und dessen Katze auf sie warten.

Ihre natürliche Freundlichkeit wird von den Kunden gespiegelt. „Schön, dass Sie da sind. Sie strahlen ja mit der Sonne um die Wette“, sagt eine Dame. Eine andere Kundin schenkt ihr ein Stück Seife, weil sie findet, „dass sie ihre schwere Arbeit wirklich gut macht und dafür eigentlich viel mehr verdienen müsste“. Ein Mann scherzt: „Ich brauche eigentlich gar nichts mehr, aber ich bestelle immer wieder Pakete, damit Frau Kapelski bei mir vorbeikommt.“
In der Woche vor Weihnachten kommen Kapelski und ihre 40 Mülheimer DHL-Kollegen besonders häufig vorbei. Denn dann steigt die Zahl der  täglich von ihnen ausgelieferten Pakete von rund 7500 auf rund 9500 an. „Die Zahl der von uns zugestellten Pakete hat sich in den letzten fünf Jahren verdoppelt“, weiß DHL- und Post-Sprecher Dieter Pietruck zu berichten.

Wer Rebecca Kapelski morgens um 8.30 Uhr beobachtet, wie viele Pakete sie in ihren Lieferwagen packt und später von Haustür zu Haustür, treppauf, treppab, bergauf, bergab trägt, dem wird schwindelig. Und man bekommt plötzlich eine Ahnung davon, wie sehr der Online-Handel heute dem stationären Einzelhandel in der Stadtmitte und in den Stadtteilen zusetzt.
Regina Kapelski, die schon einmal als Schülerin bei einem anderen Kurierdienst gearbeitet hat, bei dem auch ihre Eltern damals tätig waren, kauft selbst gerne klassisch in Geschäften ein. Nur einmal hat sie einen Kratzbaum für die Katzen ihres Freundes im Internet gekauft und dann auch durch einen ihrer Kollegen als Paket zugestellt bekommen.

Und was macht die Paket-Zustellerin, wenn sie keine Pakete transportiert? „Wenn ich nach der Arbeit nach Hause komme, dann lege ich mich erst mal auf eine Wärmedecke, um meinen Rücken zu entspannen. Entspannen kann ich mich aber auch, wenn ich mit meinem Freund und meinem Hund spazieren gehe oder zuhause Heavy-Metal-Musik höre“, erzählt Rebecca Kapelski über ihr Leben jenseits ihrer Arbeit.      

Dieser Text erschien am 3. Dezember 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

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