Direkt zum Hauptbereich

Lernen bis zum Schluss: An der Max-Kölges-Schule ist die Integration von Seiteneinsteigern kein neues Thema

Norbert Schultheis und Barbara Kromer

Die neue Rektorin der Max-Kölges-Straße, Barbara Kromer, macht einen fröhlichen Eindruck. Das erstaunt. Denn ihre Schule wird zu den Sommerferien 2016 dicht gemacht.

„Wir wissen das und bereiten uns darauf vor. Schon jetzt denken wir darüber nach, wie wir uns würdevoll verabschieden können“, sagt Kromer. Bis dahin managt sie den Schulbetrieb. Die auslaufende Schule hat in den letzten beiden Jahren 12 Lehrer verloren. 16 sind noch da und, laut Kromer, „keineswegs demotiviert, weil die Schüler und nicht die Schulpolitik unser Schwerpunkt sind.“ Viele Kollegen werden im Spätsommer 2016 mit ihren Klassen wohl zur letzten Mülheimer Hauptschule am Hexbachtal wechseln.

Bis zur Schulschließung geht es an der Bruchstraße weiter. Unterricht, Schülergespräche, Praktika, Projekte, Kollegengespräche, Statistiken, Lehrerkonferenzen, Schulpflegschaftssitzungen, Organisation des Schulalltags und Personalentwicklung – Business as usual an der Bruchstraße? Nicht ganz. Kromer und ihr Stellvertreter, Norbert Schultheis, räumen auf und aus. Das alte Schulgebäude der 1846 gegründeten Evangelischen Volksschule an der Bruchstraße, das dem 1965 errichteten Hauptgebäude vorgelagert an der Bruchstraße steht, haben sie für die benachbarte Grundschule des Dichterviertels geräumt. Schülerclub und Computerraum wurden ins Hauptgebäude verlagert. „Die Stadt hat uns bei der Neueinrichtung und Ausstattung des Computerraums tatkräftig unterstützt“, freut sich Kromer. Im Hauptgebäude der Max-Kölges-Schule, die als Schule des Handwerks in ihrem berufs- und praxisorientierten Schulalltag mit zahlreichen örtlichen Betrieben kooperiert, lernen noch 140 Acht,- Neunt- und Zehntklässler. Unter ihnen 26 Kinder und Jugendliche aus acht Nationen, die als Flüchtlinge nach Mülheim gekommen sind. „In dieser Klasse lernen die 14- bis 18 Jährigen jede Woche 16 Stunden Deutsch. Das klappt sehr gut, weil die Fortgeschrittenen den Neunankömmlingen helfen“, berichtet Schultheis.

Apropos Flüchtlinge: Beim Aufräumen hat der studierte Pädagoge und Historiker Schultheis ein altes Protokollbuch gefunden, dessen Notizen bis ins Jahr 1873 zurückreichen.

Die Lektüre zeigte ihm, dass man schon 1948 an der Bruchstraße Flüchtlingskinder in den Unterricht integrieren musste. Damals kamen sie aber nicht aus Syrien, Irak oder Afghanistan, sondern aus den kriegsbedingt an Polen verlorenen deutschen Ostgebieten. Erst in den frühen 90er Jahren musste man an der Bruchstraße erstmals eine Fördergruppe für 20 Flüchtlingskinder aus aller Welt einrichten, in der sie die deutsche Sprache erlernen konnten.

Nach 1945 hatten nicht nur die Flüchtlingskinder hungern müssen. Sie waren auf eine Schulspeisung durch das Schwedische Rote Kreuz angewiesen. Den Schülern fehlte es damals an allem, nicht nur an Nahrung, sondern auch an Kleidung. Ab 1946 unterrichteten sechs Lehrer 600 Schüler. Weil es nicht genug Schulräume gab, musste in Vormittags- und Nachmittagsschichten gelernt werden. „Was mich überrascht hat, war die Tatsache, dass damals jährlich 10 bis 15 Prozent der Schüler per Beschluss des Lehrerkollegiums auf die Hilfsschule an der Kettwiger Straße überwiesen wurden, weil sie dem Unterricht offensichtlich nicht in ausreichender Weise folgen konnten“, berichtet Schultheis.

Als bittere Ironie der Geschichte empfindet es der heutige Konrektor, dass die ehemalige Volks- und Hauptschule, in der vor 50 Jahren noch über 700 Schüler fürs Leben lernten, ausgerechnet in ihrem 150. Jahr geschlossen wird.


Dieser Text erschien am 18. September 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Am liebsten hört sie Radio: Margarete Sonnenschein feierte jetzt ihren 100. Geburtstag

"Wie alt bin ich jetzt? 100?!“ fragt Margarete Sonnenschein, während sie mit ihren Mitbewohnerinnen in der Villa Nestor bei Kaffee und Kuchen ihren dreistelligen Geburtstag feiert. 

Seit zehn Jahren lebt sie  in einer Wohngemeinschaft, die von den Pflegepartnern betreut wird. Weil sie aufgrund einer Makuladegeneration nicht mehr sehen kann, hört sie am liebsten Radio. Besonders bedauert sie es, dass ihr Lieblingsmoderator Jürgen Domian nicht mehr auf Sendung ist. Seine seelsorgerischen Gespräche mit Menschen in unterschiedlichsten und schwierigsten Lebenslagen hat die ehemalige Bibliothekarin und Buchhändlern immer besonders gerne gehört. Deshalb freut sich Sonnenschein darüber, dass ihr Pflegedienstleiterin Karin Eberlein und ihre Mitbewohnerinnen eine CD-Sammlung mit Domians besten Gesprächen geschenkt haben.

Schwere Zeiten kennt die Dame, die zweimal verheiratet war und vor 35 Jahren ihren einzigen Sohn begraben musste, nur zu gut.

Noch im Ersten Weltkrieg geboren, musste sie die…

Welche Chancen haben Förderschüler auf dem Arbeitsmarkt? Die gute Nachricht lautet: Zeugnisse und Noten sind eben nicht alles, wenn es um den Einstieg in den Beruf geht

„Alles wird gut.“ So steht es auf einer Holzskulptur, die der Geschäftsführer der Berufsbildungswerkstatt (BBWe), Thomas Aring, von Lehrgangsteilnehmern aus dem Berufsfeld Farbe und Raumgestaltung zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. Gilt das auch für Förderschüler, wenn sie ihren geschützten Lernraum verlassen und auf dem Arbeitsmarkt einen Ausbildungsplatz suchen? Aring schätzt, dass aktuell rund 20 Prozent seiner insgesamt 500 Lehrgangsteilnehmer von der Förderschule kommen. Sie alle konnten nach der Schule keinen Ausbildungsplatz bekommen und trainieren jetzt im Rahmen eines Berufsvorbereitsungsjahres oder eines Werkstattjahres für den ersten Ausbildungsmarkt.


„Viele, die zu uns kommen, erleben im ersten halben Jahr einen richtigen Entwicklungsschub und sind dann auch besonders motiviert“, berichtet Aring. Wie es im optimalen Fall laufen kann, zeigen die 17-jährige Katharina Schaefer und der 19-jährige Patrick Hoppe. Beide haben eine Mülheimer Förderschule für Lernbehinderte bes…

Vom Untergang einer kleinen Geschäftswelt: Vor 30 Jahren wurden die Bahnbögen an der Bahnstraße geöffnet

Der 30. und 31. Januar ist in meinem Kalender rot angestrichen", erzählt Familienforscherin Bärbel Essers. Dass das so ist, hat mit der Geschichte ihrer Familie zu tun. Denn am 30. und 31. Januar 1981 wurde das Geschäft ihrer Eltern am Bahnbogen 19 abgerissen. Mit diesem Abriss ging vor 30 Jahren eine lange Geschäftstradition unter den Bahnbögen an der Bahnstraße zu Ende. Denn als Gerhard Essers 1955 dort sein Geschäft für Angler- und Campingbedarf eröffnete, war er nicht der einzige Geschäftsmann, der unter den 1865 errichteten und 1866 als Eisenbahntrasse in Betrieb genommenen Bahnbögen sein Quartier aufgeschlagen hatte.
Seine 1961 geborene Tochter erinnert sich nicht nur an eine legendäre Pommesbude, eine Eisdiele und den Löschbogen, der damals noch wirklich unter dem Bahnbogen Bier und mehr ausschenkte und die traditionelle Stammkneipe der Marktleute war.

Als Essers noch ein Kind war, handelten ihre Nachbarn unter den Bahnbögen zum Beispiel mit Lederwaren, Obst und Gemüse, Kart…