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12 Uhr im Dichterviertel: Ein Rundgang mit Barbara Kaufhold und den Eheleuten Kämpgen zeigt, das Viertel hat mehr als nur großartige Gründerzeitarchitektur zu bieten

Goetheplatz und Uhlandstraße. Schillerstraße und Klopstockstraße. Die Straßennamen zeigen es: Wir sind im Dichterviertel. Die Historikerin Barbara Kaufhold, die zahlreiche Bücher zur Mülheimer Geschichte geschrieben hat und die Eheleute Jutta und Helmut Kämpgen begleiten uns. Helmut Kämpgen, heute Vorsitzender des Bürgervereins Eppinghofen, ist hier aufgewachsen und hat hier später mehr als 30 Jahre als Gemeindepfarrer gelebt und gearbeitet.

Kaufhold und ihr Mann Tobias der das Museum zur Vorgeschichte des Films in der Camera Obscura leitet sind vor 15 Jahren ins Dichtervielel gezogen, „weil es zentral liegt, trotzdem realtiv ruhig ist und viele wunderschöne alte Häuser mit großzügigen Gärten hat. Tatsächlich. Der Gang durch das Dichterviertel, das um 1900 als Wohnquartier für leitende und mittlere Angestellte gebaut wurde, ist wie eine Architekturführung durch die Gründerzeit. Hier hat sich vor allem der Architekt und Bauunternehmer Franz Hagen ein Denkmal gesetzt. Und die offensichtlich ebenfalls über 100 Jahre alten Baumriesen am Straßenrand, lassen an einigen Stellen ein parkähnliches Ambiente aufkommen. Die Grünanlagen am zentralen Goetheplatz wurden einst (samt Parkwächter) vom Reeder Winschermann (samt Parkwächter) gestiftet.

Treffpunkt und Informationsbörse des Stadtviertels ist neben der Gaststätte „Schräges  Eck“ an der Klopstockstraße die mittendrin am Goetheplatz gelegene Bäckerei von Walter und Karin Lübben. „Hier kennt jeder jeden und jeder kann man mit jedem reden. Es lebt sich hier einfach sehr familiär“, beschreibt Bäckermeister Lübben das Lebensgefühl im Dichterviertel.

Hier gibt es nicht nur große Dichternamen, sondern auch viele  Kreative. Das Spektrum reicht von der Damenschneiderin, über einen Gitarrenbauer und eine Filz-Künstlerin bis zur Imkerin. Und auchder neue Oberbürgermeister wohnt gerne im Dichterviertel. passender Weise an der Bürgerstraße.


Stationen & Schlaglichter


Barbara Kaufhold vor dem Haus an der Uhlandstraße 50. Wo heute ein Tattoo-Studio seine Dienste anbietet, verkaufte die Familie Remberg früher Fleisch und Wurst.  Bei ihr traf sich die freie christliche Gemeinde, die Hitler widerstehen wollte.

Ökumene wird im Dichterviertel großgeschrieben. Neben der evangelischen Lukas- und der katholischen Engelbert-Gemeinde gibt es hier auch die Zionsgemeinde und die evangelisch-freikirchliche Gemeinde. Letztere wird von Pastor Eckhard Vetter geleitet und hat derzeit 250 Mitglieder.

 Nicht nur kreativen Kindern, wie der neunjährigen Joy zeigt Gabriele Cohnen in ihren Werkstattladen an der Uhlandstraße 47 gerne, welche kleinen und großen Dinge man aus mit Filz kreieren kann.

Kreativ sind Friseurmeisterin Dagmar Fafra und ihre Mitarbeiterin Winonu Steffens nicht nur beim Frisieren. Auch bei der Fassadengestaltung des Salons am Goetheplatz brachten sie Farbe ins Spiel. Graffitikünstler Dennis Broszat machte es möglich.

Ihre Kinder konnten sich nach Palästina retten. Doch Emanuel und Betty Brender, die an der Bürgerstraße 3 wohnten, wurden 1941 deportiert und später in Auschwitz ermordet.

Architektur als Kunstwerk und Augenweide. Das findet man im Dichterviertel auf Schritt und Tritt. Architekt Franz Hagen (1877-1953) hat hier gewirkt und gewohnt

„Das ist Liebe und Wärme“, freut sich Inge Nelles über regelmäßige Streicheleinheiten. Tierischer Besuch mit Kuschelfaktor, wie hier von Polly, ist nicht nur der 86-jährigen Seniorin, sondern auch den allermeisten ihrer rund 100 Mitbewohner im 2009 eröffneten Wohnstift Dichtviertel hoch willkommen.

Jutta und Helmut Kämpgen an ihrer alten Wirkungsstätte. 1951 wurde auf dem Gelände des Lederfabrikanten Julius Kleinert ein Gemeindehaus errichtet, das heute von der Familie Roll als Gästehaus geführt wird.

Dieser Text erschien am 14. Oktober 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

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