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Älter, bunter, weniger Der Flüchtlingszustrom hat die Statistiker vorsichtig werden lassen, wenn sie Bevölkerungsprognosen aufstellen

Der Stadtforscher Harald Trieb
Schaut man sich die Bevölkerungsprognosen der Stadtforschung an, so gehen sie davon aus, dass Mülheim im  Zuge des demografischen Wandels älter, kleiner und bunter wird. Doch seit dem ab 2013 akut angestiegenen Flüchtlingszustrom (aktuell leben nach Angaben der Sozialverwaltung rund 2500 Flüchtlinge in der Stadt) wollen sich die Statistiker von Stadt und Land nicht mehr auf die bisher prognostizierte kontinuierliche Bevölkerungsabnahme festlegen. „Das liegt daran, dass wir derzeit nicht sagen können, ob er der Flüchtlingszustrom  noch einmal ansteigt und wie lange die Flüchtlinge und ihre Familien bei uns bleiben werden,“ erklärt Statistiker Harald Trieb.

Grundsätzlich weist der Stadtforscher darauf hin, dass das alternde Mülheim die angestiegene Zuwanderung gut gebrauchen kann, um seine soziale und wirtschaftliche Infrastruktur langfristig aufrechtzuerhalten. Sozialdezernent Ulrich Ernst hat jetzt darauf hingewiesen, dass 95 Prozent der in Mülheim lebenden Flüchtlinge jünger als 42 Jahre seien. Er geht davon aus, dass rund 75 Prozent der jetzt in Mülheim lebenden Flüchtlinge dauerhaft bei uns bleiben werden.

   ZAHL: Vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklung, die die Zahl der Einwohner Mülheims entgegen dem langfristigen Trend 2014/15 von rund 168 000 auf 171 000 ansteigen ließ, haben die Statistiker der Stadt ihre 2011 aufgestellte Bevölkerungsprognose einstweilen zurückgezogen. Diese ging davon aus, dass die Zahl der Mülheimer von 176 000 (im Jahr 1995) auf rund 162 000 im Jahr 2025 zurückgehen werde.

HERKUNFT: Feststeht: Mülheim ist bunter geworden und die Zuwanderung wird mit leichten Schwankungen vermutlich langfristig anhalten. Seit der Volkszählung im Jahr 1987 hat sich der Ausländeranteil in der Mülheimer Bevölkerung von 6,5 auf 13,5 Prozent erhöht. Im gleichen Zeitraum sank die Zahl der Einwohner mit deutscher Staatsbürgerschaft um rund 17 000 auf derzeit 148 000. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Zahl der Mülheimer mit deutscher und einer zusätzlichen ausländischer Herkunft zwischen 2002 und 2015 von 7000 auf 13 800 angestiegen ist. Damit erhöhte sich ihr Bevölkerungsanteil in diesem Zeitraum von 4,1 Prozent auf 8,1 Prozent.
Trieb und seine Kollegen aus der Stadtforschung gehen derzeit davon aus, dass jedes Jahr in Mülheim rund 800 Menschen mehr sterben, als geboren werden. Das war in den 50er und 60er Jahren noch ganz anders. Damals sprach man vom Babyboom. Wurden 1962 noch 3176 Menschen in Mülheim geboren, so waren es 2006 nur noch 1161 und 2014 1366.

ALTERUNG: Bereits seit den 70er Jahren altert die Mülheimer Stadtbevölkerung. In den letzten 20 Jahren ist das Mülheimer Durchschnittsalter vom fast drei Jahre auf 45,2 Jahre angestiegen. Im gleichen Zeitraum sank der Bevölkerungsanteil der Unter-18-Jährigen von 24,5 Prozent auf 15,3 Prozent. Auch der Anteil der Unter-45-Jährigen ging von 36,3 Prozent auf 30,4 Prozent zurück. Gleichzeitig stieg der Anteil der 45- bis 65-Jährigen von 24,8 Prozent auf 30,8 Prozent. Noch deutlicher ist der Anteil der über-65-Jährigen angestiegen, nämlich von 14,1 Prozent auf 23,4 Prozent.
Auf der Basis ihrer 2011er-Prognose gehen die Stadtforscher davon aus, dass in 15 Jahren rund 15 Prozent der Mülheimer unter 18 und rund 30 Prozent der Bevölkerung zwischen 18 und 45 sein werden. Damit bliebe ihr Bevölkerungsanteil im Vergleich zum Jahr 2015 stabil. Dagegen prognostizieren die städtischen Statistiker in der Gruppe der älteren Erwerbstätigen einen leichten Rückgang von knapp 31 auf dann etwa 28 Prozent.

Hingegen wird der Anteil der über-65-Jährigen noch einmal deutlich, nämlich von jetzt 23,5 Prozent auf dann rund 27 Prozent ansteigen. Diese Entwicklung ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die geburtenstarken Jahrgänge, die während der 50er und 60er Jahre geboren worden sind, dann ins Rentenalter kommen.

Dieser Text erschien am 9. Mai 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

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