Direkt zum Hauptbereich

Die Schatzmeisterin: Rosi Rövekamp

Rosi Rövekamp
Rosi Rövekamp gehört nicht zu den Menschen, die sich in den Vordergrund drängen. Und doch ist sie ganz sicher eines der Gesichter des Mülheimer Karnevals, das viele Narren schon gesehen haben. Bei vielen Veranstaltungen, zu denen der Hauptausschuss Groß-Mülheimer Karneval oder ihre Gesellschaft, die MüKaGe einladen, sitzt die 67-Jährige, die im Einzelhandel ihr Geld verdient, im Saal an der Kasse. „Die meisten Menschen wissen gar nicht, mit wie viel Geld- und Arbeitseinsatz die Durchführung einer Karnevalsveranstaltung verbunden ist“, sagt Rövekamp.

Wenn Saalmiete und Künstlergagen zusammenkommen, sind 2000 Euro und mehr schnell ausgegeben. Deshalb achtet Rövekamp als Schatzmeisterin der Ersten Großen Mülheimer Karnevalsgesellschaft von 1937 auch nicht nur auf die Kasse, sondern sorgt mit ihren Kolleginnen von der Müttergarde der MüKaGe mit echten Leckerbissen für die Verbesserung der Einnahmenseite. „Unsere Gesellschaft hat aktuell etwa 120 Mitglieder und einen Monatsbeitrag von acht Euro“, schildert Rövekamp die finanzielle Grundausstattung der MüKaGe.

Deshalb ist die älteste Mülheimer Karnevalsgesellschaft auf Rövekamp und ihre anderen tatkräftigen Mütter angewiesen, die nicht nur bei Karnevalsveranstaltungen mit ihrem Catering Geld in die Kasse des Frohsinns bringen.

Durch eine närrische Nachbarin kamen Rövekamp und ihre Familie vor 35 Jahren zur MüKaGe. „Kannst du bei unserem Tanzturnier in der Stadthalle mal an der Kasse sitzen?“ fragte der damalige MüKaGe-Präsident Wolfgang Tremer die Mutter dreier Kinder.

„Wir sind wie eine Familie“, sagt Rövekamp über ihre Gesellschaft. Das hat sie vor allem in den letzten Monaten gespürt, in denen sie den Tod ihres Ehemannes Udo verarbeiten und verkraften musste. Da wurde Rövekamp von ihren Karnevalsfreunden „immer wieder aufgefangen und aus meiner Wohnung herausgeholt“, erinnert sie sich. Wer, wie sie, in einer Karnevalsgesellschaft aktiv ist, wird nicht nur zu Karnevalsveranstaltungen, sondern auch zu anderen Festen, Ausflügen oder Treffen eingeladen.

Besonders freut sich Rövekamp auf den Rosenmontagszug. Dann wird sie, wie in den letzten 30 Jahren, mit einer von ihr selbst gut gefüllten Umhängetasche als Ordnerin mitgehen. „Auf einen Rosenmontagswagen würden Sie mich nicht bekommen. Aber auf der Straße, als Ordnerin mitzugehen, das macht mir Freude“, sagt die handfeste Frau, die auch schon mal beim Aufbau von Bühnendekoration und Sitzgarnituren mithilft.

Warum fühlt sich die Karnevalistin, deren Töchter in der Garde der MüKaGe getanzt haben und deren Sohn in den späten 80er Jahren Kinderprinz war, beim närrischen Straßenvolk wohler, als hoch auf dem närrischen Rosenmontagswagen? „Es ist einfach toll, wenn man in seine Tasche greifen kann und Kindern direkt etwas in die Hand geben kann, über dass sie sich freuen“, sagt Rövekamp. Sie hat eben nicht nur ein Gespür für Zahlen, sondern auch ein Herz für die kleinen Jecken am Straßenrand.


Dieser Text erschien am 2. Januar 2015 in NRZ und WAZ

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Am liebsten hört sie Radio: Margarete Sonnenschein feierte jetzt ihren 100. Geburtstag

"Wie alt bin ich jetzt? 100?!“ fragt Margarete Sonnenschein, während sie mit ihren Mitbewohnerinnen in der Villa Nestor bei Kaffee und Kuchen ihren dreistelligen Geburtstag feiert. 

Seit zehn Jahren lebt sie  in einer Wohngemeinschaft, die von den Pflegepartnern betreut wird. Weil sie aufgrund einer Makuladegeneration nicht mehr sehen kann, hört sie am liebsten Radio. Besonders bedauert sie es, dass ihr Lieblingsmoderator Jürgen Domian nicht mehr auf Sendung ist. Seine seelsorgerischen Gespräche mit Menschen in unterschiedlichsten und schwierigsten Lebenslagen hat die ehemalige Bibliothekarin und Buchhändlern immer besonders gerne gehört. Deshalb freut sich Sonnenschein darüber, dass ihr Pflegedienstleiterin Karin Eberlein und ihre Mitbewohnerinnen eine CD-Sammlung mit Domians besten Gesprächen geschenkt haben.

Schwere Zeiten kennt die Dame, die zweimal verheiratet war und vor 35 Jahren ihren einzigen Sohn begraben musste, nur zu gut.

Noch im Ersten Weltkrieg geboren, musste sie die…

Suchtfaktor Karneval

Sie ist die jüngste der 13 Mülheimer Karnevalsgesellschaften, die KG Aunes Ees. Zwölf Karnevalsfreunde aus der damals aufgelösten KG Düse formierten sich im Juli 2017 zur neuen KG Aunes Ees. „Aunes Ees ist mölmsch Platt und bedeutet anders als, weil wir anders sind als viele andere Karnevalsgesellschaften“, erklärt der Vorsitzende der neuen Gesellschaft Jörg Schwebig die Namenswahl.
Anders als die anderen mölmschen Gesellschaften, gibt es bei Aunes Ees neben einer Aktivengarde auch eine integrative Garde, in der Menschen mit und ohne Handicap ihren Spaß am Tanz gemeinsam auf die Bühne bringen. Dass es dazu kam, hat mit Schwebigs Bruder Frank und seiner Schwägerin Vivian zu tun, Sie sind Eltern einer behinderten Tochter, die in einer integrativen Tanzgarde einer Duisburger Gesellschaft aktiv war. Doch das Mädchen und seine Gardekolleginnen fühlten sich ihrer bisherigen Gesellschaft nicht mehr gut aufgehoben und wechselten deshalb 2017 geschlossen in die neue Mülheimer Karnevalsgesellsch…

Welche Chancen haben Förderschüler auf dem Arbeitsmarkt? Die gute Nachricht lautet: Zeugnisse und Noten sind eben nicht alles, wenn es um den Einstieg in den Beruf geht

„Alles wird gut.“ So steht es auf einer Holzskulptur, die der Geschäftsführer der Berufsbildungswerkstatt (BBWe), Thomas Aring, von Lehrgangsteilnehmern aus dem Berufsfeld Farbe und Raumgestaltung zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. Gilt das auch für Förderschüler, wenn sie ihren geschützten Lernraum verlassen und auf dem Arbeitsmarkt einen Ausbildungsplatz suchen? Aring schätzt, dass aktuell rund 20 Prozent seiner insgesamt 500 Lehrgangsteilnehmer von der Förderschule kommen. Sie alle konnten nach der Schule keinen Ausbildungsplatz bekommen und trainieren jetzt im Rahmen eines Berufsvorbereitsungsjahres oder eines Werkstattjahres für den ersten Ausbildungsmarkt.


„Viele, die zu uns kommen, erleben im ersten halben Jahr einen richtigen Entwicklungsschub und sind dann auch besonders motiviert“, berichtet Aring. Wie es im optimalen Fall laufen kann, zeigen die 17-jährige Katharina Schaefer und der 19-jährige Patrick Hoppe. Beide haben eine Mülheimer Förderschule für Lernbehinderte bes…