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Der umtriebige Stadtwächter: Norbert Hütte

Norbert Hütte in seiner
Kommandeursuniform
auf dem Rosenmontagszugwagen
der KG Mülheimer Stadtwache
„Ich bin kein Mensch, der sich einfach hinsetzen kann, um sich berieseln zu lassen. Ich werde lieber aktiv und mach selbst was“, sagt Norbert Hütte.

Bis 1986 hatte der gelernte Installateur, der sich später kaufmännisch weiterbildete und heute vom kompletten Badezimmer über die Toilette bis zur Heizungsanlage alles verkauft, was Menschen brauchen, um warm und sauber durchs Leben zu kommen, nichts mit dem Karneval zu tun.

Doch dann ließ sich seine Tochter Mareike von einer Freundin aus der Nachbarschaft zum Tanztraining der Roten Funken mitnehmen. Und das hatte Folgen, auch für ihre Eltern Gabi und Norbert. Die ließen sich bei den Gardeauftritten ihrer Tochter nur zu gerne vom Bazillus Carnevalensis anstecken und von den Karnevalisten einspannen. „Bis 1992 war ich im Wagen- und Bühnenbau der Funken aktiv“, erinnert sich Hütte an seine närrische Feuertaufe. Doch dann kam die Zeit, in der sich Hütte mit einigen seiner Funken-Freunde einig war: „Wir wollen mal was anderes machen.“ Das Andere war die 1992 aus der Taufe gehobene Karnevalsgesellschaft Mülheimer Stadtwache.

„Wir wollten eine klassische Garde aufbauen und keine herkömmliche Karnevalssitzung mehr veranstalten. Wir wollten neue Leute für den Karneval gewinnen und gleichzeitig eine moderne Showtanzgarde ins Leben rufen“, beschreibt der Geschäftsführer und Programmleiter der Stadtwache die Motivation der Gründungsgeneration.

Das aus ihren närrischen Visionen im Laufe von fast zweieinhalb Jahrzehnten Wirklichkeit geworden ist, kann man an ihrem Kommandeursball in der Stadthalle, an dem Stadtwächterorden für engagierte Mitbürger, an einer inklusiven Veranstaltung unter dem Motto: „Karneval Grenzenlos“ oder an der flotten Showtanztruppe der New Generation sehen.

„Vor allem die integrative Veranstaltung, bei der Menschen mit und ohne Behinderung ganz zwanglos und ausgelassen miteinander feiern und Spaß an der Freude haben, begeistert mich“, sagt Hütte.

Im Karneval sieht er eine unverzichtbare Institution, die Gemeinschaft und Lebensfreude stiftet. „Durch mein Engagement im Karneval habe ich ganz unterschiedliche und oft sehr interessante Menschen getroffen, die ich sonst nie kennen gelernt, geschweige denn, mit ihnen gesprochen hätte“, freut sich Hütte,

Und wenn seine Kollegen und er dann in ihre maßgeschneiderten Stadtwächteruniformen schlüpfen, ist das für sie das schönste Kostüm, dass man im Karneval tragen kann.

Die maßgeschneiderte Uniform mit Stiefeln, Degen Dreispitz und Perücke lassen sich Hütte und seine karnevalistischen Kommandeurskollegen denn auch rund 2500 Euro kosten. Mit ihren schicken Uniformen, die an das 18. Jahrhundert erinnern, sind nicht nur beim Rosenmontagszug ein echter Blickfang. Da stört es die Narren nicht, dass es die Mülheimer Stadtwache historisch nie gegeben hat. Die Obrigkeit aufs Korn zu nehmen, lohnt sich für sie immer.


Dieser Text erschien am 23. Januar 2016 in der NRZ und in der WAZ

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