Mittwoch, 27. Januar 2010

30 Jahre gibt es die Grünen: Ein Interview mit dem Mülheimer Gründungsgrünen Wilhelm Knabe


Wilhelm Knabe (Foto privat) wurde 1923 im Kreis Dresden geboren. Bis 1959 lebte der promovierte Forstwissenschaftler mit seiner Familie in der damaligen DDR, ehe nach Westdeutschland übersiedelte. Seit Mitte der 60er Jahre lebt er in Mülheim, wo der ehemalige Christdemokrat 1979 die Grünen mit ins Leben rief. 1980 gehörte er auch auf Bundesebene zu deren Gründungsvätern. Sowohl auf Bundes- als auf Landesebene fungierte er in den frühen 80er Jahren als Sprecher der Umwelt-Partei. 1987 zog er für die Grünen in den Bundestag ein, dem er aber bis 1990 angehören sollte. In seiner Bonner Parlamentszeit war er unter anderem Mitglied einer Enquete-Kommission zum Schutz der Erdatmosphäre. 1994 wählte ihn eine schwarz-grüne Ratsmehrheit zum Bürgermeister, ein Amt, das er bis 1999 ausüben sollte.

Was wäre in Mülheim ohne die Grünen nicht erreicht worden?
Die Grünen haben bei allen Mülheimern das Bewusstsein hinterlassen, dass hier etwas Wertvolles auf dem Spiele steht, nämlich dass eine Stadt für Menschen da sein muss und dass eine Stadt Platz haben muss für Natur.

Und dieser Bewusstseinswandel wäre ohne die Grünen nicht möglich gewesen?
Diese Themen wären ohne die Grünen nicht in die politische Diskussion hineingekommen. Auch ein Wahlbündnis, wie das der Mülheimer Bürgerinitiativen (MBI) wäre ohne die Vorexistenz der Grünen nicht möglich gewesen. Es gab auch schon vor der Gründung der Grünen Bürgerinitiativen, die sich für Einzelprojekte einsetzten. Doch die Zusammenschau, dass eine Stadt etwas Ganzes ist und als Ganzes auch dafür sorgen muss, dass Platz für Mensch und Natur da ist, dieses Bewusstsein hätte sich ohne die Grünen nicht durchgesetzt.

Sie haben das Stichwort MBI geliefert. Mülheim war einmal eine Hochburg der Grünen. Die Grünen haben aber viele Stimmen an die MBI verloren. Was ist da schief gelaufen und wie könnten diese Stimmen zurückgewonnen werden?
Von schief gelaufen würde ich nicht sprechen wollen, sondern von einer Entwicklung, in deren Verlauf sich Personen entfremdet haben. Es hat mit einzelnen Personen und radikalen Ansichten begonnen, die nicht der Mehrheit folgen wollten, sondern etwas Eigenständiges machen wollten. Das kann man niemandem verwehren. Das wäre natürlich gut, wenn wir die zu den MBI abgewanderten Menschen zurückgewinnen könnten. Ich wäre sehr dafür, dass hier ein Zusammenschluss möglich ist. Das war ja auch vor 30 Jahren bei der Gründung der Grünen der Fall, als Menschen aus unterschiedlichen Zusammenhängen gemeinsam etwas Neues gestaltet haben. Ich fände das eine gute Entwicklung. Und die Zukunft ist offen. Die MBI reichen vielleicht auch weiter in unpolitische Gruppen hinein, in denen sie für grüne Inhalte werben und für die Grünen bei Landtags- und Bundestagswahlen von Bedeutung sein könnten. Ob sie das machen, hängt von den Matadoren ab.

Ist ein Zusammengehen von MBI und Grünen realistisch?
Die Marschrichtung, in die sich die MBI bewegen, kann ich nicht einschätzen, ob hier ein neues Zusammengehen erfolgen könnte. Möglich ist das. Bei gutem Willen wäre das eine prima Entwicklung. Aber da müssen sich die Menschen, die heute verantwortlich sind, zusammenraufen.

Wie haben sich die Mülheimer Grünen, die mit Ihnen bereits einmal den Bürgermeister und mit Helga Sander bis heute eine Dezernentin stellen, in den letzten 30 Jahren verändert?
Ich würde zunächst sagen: Sehr positiv, weil man bereit war mit Anderen Alternativen zur bisherigen Politik auszuarbeiten und sachlich zu diskutieren. Das war vor der Gründung der Grünen gar nicht möglich, weil die SPD als Mehrheitspartei nicht bereit war, Rat von außen anzunehmen. Die SPD hat früher jeden Antrag der Grünen abgeschmettert. Das war mit der CDU anders. Da hat man als gleichberechtigte Partner miteinander gesprochen, das Für und Wider abgewogen und im Rahmen der schwarz-grünen Zusammenarbeit auch in vielen Fällen das Vernünftige getan. Vieles, etwa bei den städtischen Eigenbetrieben, ist später in der schwarz-roten Zusammenarbeit leider wieder zurückgedreht worden.

Wo stehen die Mülheimer Grünen heute?
Die Grünen bilden heute einen inhaltlich geschlossenen Kreisverband, in dem es nicht dauernd zu Streit, Kampf und gegeseitiger Profilierung kommt. So etwas habe ich in den letzten Jahren nie erlebt und das ist ein positives Zeichen. Man versucht zu Anderen Verbindung aufzunehmen und im Rat den Argumenten zum Durchbruch zu verhelfen und Verbündete zu gewinnen. In einer Koalition ist es da natürlich leichter, eine bestimmte Linie durchzuhalten.

Was sollten sich die Grünen in der laufenden Ratsperiode auf ihre Fahnen schreiben?
Sie müssen dafür eintreten, Freiflächen weitmöglichst zu erhalten. Und wenn neue Betriebe nach Mülheim kommen, was ich für vernünftig halte, um die Wirtschaftskraft zu stärken, muss das nicht auf der grünen Wiese stattfinden. Denn wir haben ehemalige Industrieflächen, die nicht mehr gebraucht werden. Außerdem muss vorrangig in Bildung, die Sanierung der Schulen, in die Betreuung von Kindern und in Kindertagesstätten investiert werden. Da haben wir eine riesige Aufgabe zu erledigen.

Dieses Interview ist am 12. Januar 2010 in der NRZ erschienen

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