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Hilfe für die Helfer in der Notfallseelsorge

Menschen beizustehen, die plötzlich einen geliebten Menschen verloren haben, ist wohl eine der menschlich größten Herausforderungen. Dieser Herausforderung stellen sich in Mülheim und Essen nicht nur 20 hauptamtliche, sondern auch 30 ehrenamtliche Notfallseelsorger. Warum werden diese ehrenamtlichen Notfallseelsorger gebraucht und was treibt die Frauen und Männer an, die sich entsprechend ausbilden und einsetzen lassen?
"2018 sind wir zu 110 Notfällen gerufen worden. Aber Notfallseelsorge bedeutet eine 24-stündige Rufbereitschaft an sieben Tagen der Woche. Das könnten wir als hauptamtliche Pfarrer des evangelischen Kirchenkreises an der Ruhr gar nicht leisten. Wir sind also personell auf ehrenamtliche Notfallseelsorger angewiesen, die uns mit ihrer menschlichen und beruflichen Lebenserfahrung unterstützen", sagt Pfarrer Guido Möller, der die auch in der Krankenhausseelsorge aktive Notfallseelsorge leitet.
Die beiden Mülheimer Karin Neumann und Jürgen Deutschbein gehören zu den 16 neuen ehrenamtlichen Notfallseelsorgern, die jetzt nach einer 121-stündigen theoretischen und praktischen Ausbildung mit einem Gottesdienst in der Johanniskirche in ihr Amt eingeführt worden sind. Beide stehen als Familienmutter und Familienvater mitten im Leben. Beide empfinden ihr Leben als reich und gesegnet und möchten durch ihr Engagement "etwas zurückgeben." Beide werden in ihrem besonderen Schritt von ihren Kindern und Ehepartnern unterstützt. Und beide möchten schon jetzt die menschlichen Begegnungen und Selbsterfahrungen, die ihnen die gemeinsame Ausbildung vermittelt hat, nicht missen.
Jürgen Deutschbein, der hauptberuflich bei der Personalabteilung der Mülheimer Berufsfeuerwehr arbeitet, sagt vor seinem ersten Einsatz als ehrenamtlicher Notfallseelsorger: "Ich habe bei der im Januar 2019 begonnen Ausbildung interessante Leute mit einem tollen Potenzial kennen gelernt. Die gute und intensive Ausbildung hat meinen Blick auf mich selbst und auf meine Mitmenschen verändert. Ich kann besser zuhören und auch Stille aushalten. Ich gehe ohne Angst, aber mit Respekt an meine Aufgabe heran, in dem ich weiß: 'Ich kann das Geschehene nicht mehr ändern. Ich kann nur noch die vom Unglück betroffenen Menschen begleiten und damit auch die hauptamtlichen Einsatzkräfte von Feuerwehr und Polizei entlasten."
Seine Kollegin Karin Neumann, die hauptamtlich als Erzieherin in der Gemeinschaftsgrundschule am Sunderplatz arbeitet, beschreibt ihre Ausgangssituation vor dem Einstieg in ihr neues Ehrenamt so: "Ich gehe mit einem stabilen Grundgerüst an meine anspruchsvolle Aufgabe heran. Ich weiß, dass kein Einsatz dem anderen gleichen wird und man sich deshalb auch nicht perfekt darauf vorbereiten kann. Aber ich habe ein gutes Bauchgefühl und mein Notfallkoffer ist nach der Ausbildung gut gepackt. Ich weiß, was mir gut tut und meine seelischen Widerstandskräfte stärkt. Und ich weiß, dass ich auch nach dem Ende der Ausbildung durch regelmäßige Supervision und Fortbildung Rückhalt von unseren hauptamtlichen Kollegen bekomme."

Im vergangenen Jahr konnte die Heißener Schmuckdesignerin Jutta Tolzmann einer Frau helfen, die einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte, nachdem sie eine Todesnachricht erhalten hatte. "Wir haben uns einfach hingesetzt. Ich habe ihr zugehört und wir haben miteinander gesprochen. Und nach einer halben Stunde hat sie mich umarmt und gesagt: 'Danke. Ich bin jetzt wieder stark genug ins Leben zurückzugehen und mich den Tatsachen zu stellen.'", berichtet die 59-Jährige. Als sie wenig später in der Zeitung las, dass die Notfallseelsorge ehrenamtliche Kollegen sucht, sagte sie sich: "Das passt in mein Leben. Das passt zu mir. Das mache ich jetzt!" Die Ausbildung hat sie in dem Gefühl bestärkt, dass sie die Offenheit, Gelassenheit und den Lebensmut mitbringt, den es braucht Menschen in existenziellen Lebenskrisen vorurteilsfrei beizustehen. Das wichtigste Rüstzeug für ihre jährlich 31 Sechs-Stunden-Bereitschaften als Notfallseelsorgerin sieht Jutta Tolzmann in ihrem christlichen Glauben, der ihr das Bewusstsein gibt, "dass wir Menschen nicht tiefer als in Gottes geöffnete Hand fallen können." Dabei weiß sie: "Wir können als Notfallseelsorger versuchen Menschen Mut zu machen und ihr Leid mit ihnen auszuhalten. Aber wir können sie zu nichts zwingen, was sie nicht selbst wollen."
Wer sich für eine Ausbildung als ehrenamtlicher Notfallseelsorger interessierte, sollte am 6. November um 18.30 Uhr bei einem Informationsabend der Notfallseelsorge in der Heißener Feuerwache an der Seilfahrt vorbeischauen. Weitere Auskünfte gibt Elke Lohmar-Bärz unter der Rufnummer: 0208-455-36349 oder per E-Mail an: lohmar-baerz@kirche-muelheim.de


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