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Vorsicht Vorsatz

"Gute Vorsätze sind der nutzlose Versuch, die Naturgesetze außer Kraft zu setzen." So spottete schon der irische Schriftsteller Oscar Wilde. Da der Mann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lebte, tröstet seine Feststellung uns heutige, dass es unseren Vorfahren in der vermeintlich guten alten Zeit mit ihren guten Vorsätzen wohl auch nicht so gut ergangen ist, weil für uns Menschen zu allen Zeiten galt: Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Wenn wir uns im neuen Jahr auf etwas verlassen können, dann wohl auf dieses zeitlose Naturgesetz. Wenn Sie Oscar Wilde und mir nicht glauben, fragen Sie ihre Waage, ihre Liebste, Ihren Hausarzt, Ihren Chef, ihren geschlossenes Fachgeschäft, das dem vermeintlich billigen Online-Handel weichen musste oder Ihren Kontoauszug. Dass uns der Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit auch 2019 treu bleiben wird, wurde mir gestern bei der NRZ-Lektüre deutlich. Da sprang mir auf der Titelseite die schöne Schlagzeile: "Wer nett ist, macht diese Welt besser!" an. Doch gleich darunter hatte mich die harte Wirklichkeit wieder. Denn da hieß es: "Wirtschaft kritisiert Kurs der Politik!" Und auch im Lokalteil gehen Leser gar nicht nett mit dem Vorsatz des Oberbürgermeisters um, für eine zweite Amtszeit kandidieren zu wollen. Dabei hat ihre Frustration eben damit zu tun, dass sie es so gar nicht nett finden, was aus den guten Vorsätzen geworden ist, die Scholten vor seiner Wahl zum Oberbürgermeister hatte. Zu Details erinnern Sie sich an die Berichterstattung der vergangenen Monate. Ob aus Scholtens Vorsatz einer zweiten Amtszeit Wirklichkeit werden kann, hängt wohl davon, ob eine Mehrheit seiner Mitbürger in den nächsten zwölf Monaten zu der Überzeugung gelangt, dass seinen guten Vorsätzen gute Taten folgen, die das Blatt für uns Mülheimer zum Besseren wenden. Dabei gilt nicht nur für den  Oberbürgermeister und die Kommunlpolitiker, sondern für uns alle, dass wir nur dann die Kraft zum Neuanfang und zur Umkehr gewinnen, wenn wir uns selbst und anderen das allzu menschliche Scheitern an den eignen Vorsätzen vergeben können, ohne ihnen und uns deshalb einen moralischen Blankoscheck auszustellen. 

Dieser Text erschien am 3. Januar 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

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